Rezensionen

Rezension: Joël Dicker – Die Geschichte der Baltimores

Endlich ist er da, der neue Roman von Joël Dicker! Ich bin ein großer Fan von „Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert“ und habe den Nachfolger sehnsüchtig erwartet. Seit Jahren, ehrlich. Bei 512 Seiten ist manch einer ja doch dazu geneigt sich zu fragen, ob sich ein solcher Wälzer lohnt – in diesem Fall kann ich mit bestem Gewissen sagen: Ja, er lohnt sich. Jede einzelne Seite. Ich habe ein wenig nachgedacht, ob ich mich dazu hinreißen lasse, hier zu schreiben, dass ich „Die Geschichte der Baltimores“ sogar noch besser finde, als „Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert“. Aber ich mache es hiermit und es fühlt sich richtig an.

joel-dicker-die-geschichte-der-baltimores-buch-kritik-schonhalbelf-buchkritik

Inhalt kurz zusammengefasst

Auch dieser Roman von Joël Dicker ist wie sein Vorgänger ein Buch im Buch – er begleitet den jungen und erfolgreichen Schriftsteller Marcus Goldman bei der Arbeit an seinem nächsten Roman. Es entstehen somit zwei Geschichten: Die, die von Marcus erzählt, während er den Roman schreibt und die des Romans selbst, in dem jedoch auch Marcus eine tragende Rolle spielt. Beide Geschichten sind daher ineinander verwoben, erklären und ergänzen sich gegenseitig.

Marcus Goldman schreibt innerhalb seines Romans über zwei gegensätzliche, verwandte Familien. Auf der einen Seite stehen die mit Erfolg, Liebe und Familienglück gesegneten Goldmans aus Baltimore, denen ein nahezu vollkommenes Leben vergönnt ist. Auf der anderen Seite die „Montclair-Goldmans“ aus New Jersey, die das Leben einer typischen Mittelstandsfamilie führen – inklusive des einzigen Sohns Marcus.

Marcus ist das konstante Bindeglied der beiden Familien und verbringt als Kind und Jugendlicher so viel Zeit wie möglich bei seinem Cousin Hillel (hochbegabt) und dessen Adoptivbruder Woody (Ausnahmetalent im Football) in Baltimore. Doch so schön die Zeit mit seinen Cousins ist, so sehr ist Marcus über all die Jahre zwischen Bewunderung und Neid für die Familie seines Onkels hin- und hergerissen.

Die drei Cousins erleben bei den Baltimores goldene Zeiten und vor allem eins: was wahre Freundschaft bedeutet. Bis zu jenem Tag, an dem eine unfassbare Katastrophe über die Baltimores hereinbricht, die ihr Leben unwiederbringlich zerstört.

Acht Jahre nach dem Niedergang der Familie sieht es Marcus als seine Aufgabe an, die Geschichte der Baltimores niederzuschreiben – und kommt dabei zahlreichen Geheimnissen auf die Spur, die ihm sein bisheriges Leben verborgen geblieben waren.

joel-dicker-die-geschichte-der-baltimores-buch-kritik-schonhalbelf-rezension-piper-literaturblog

Wie war’s?

Das Warten hat sich so gelohnt! Auch wenn „Die Geschichte der Baltimores“ im Gegensatz zu seinem Vorgänger kein Krimi ist, ist er aufgrund der Vielschichtigkeit und Verwobenheit keinen Deut weniger spannend als sein Vorgänger und liest sich wie ein besonders schön und poetisch geschriebener Thriller. Dicker ist es gelungen, eine unglaublich berührende, tragische Chronik des Niedergangs einer ganzen Familie zu verfassen. Ich bewundere Dickers Sprache und dass diese es schafft, einen bildgewaltigen und sehr stimmungsvollen Film in meinem Kopf zu produzieren.

Besonders gefällt mir auch bei diesem Roman wieder, dass man die Chance hat, den Schriftsteller innerhalb des Romans bei seiner Arbeit zu begleiten. In mir weckt das immer sofort den Gedanken, dass ich Joël Dicker selbst bei dem Schreiben des Romans beobachten darf, was natürlich für jeden Lesebegeisterten eine verlockende Sache ist. Je näher ich dem Ende kam, umso mehr hat mich eine Stimme in meinem Kopf mit: „Schneller lesen! Schneller lesen!“ angetrieben, um endlich alles aufzudecken.

Das Beenden der letzten Seiten des Romans hat bei mir den Schalter für Gänsehaut umgelegt. Oder um es in Kettcars Worten auszudrücken: „(…) die Nackenhaare melden sich zur Standing Ovation.“ Die Goldman-Gang wird sicherlich noch eine ganze Weile in meinem Kopf präsent sein und ich kann mir sehr gut vorstellen, den Roman mindestens noch ein weiteres Mal zu lesen. Große, große Empfehlung!

joel-dicker-die-geschichte-der-baltimores-buch-kritik-schonhalbelf-rezension-piper-literaturblog-empfehlung-lesetipp-beststeller

Eine kurze Passage aus dem Buch

„Ein Buch zu schreiben ist ungefähr so, als hätte man gerade ein Ferienlager aufgemacht: Dein normalerweise einsames und stilles Dasein wird plötzlich von einem Haufen Leuten auf den Kopf gestellt, die ohne Vorwarnung hereinschneien. Da kommen sie eines Morgens angefahren in ihrem großen Bus, schon ganz aufgeregt über die Rolle, die sie spielen sollen, und reden beim Aussteigen alle durcheinander. Und dann ist alles deine Sache, du musst dich um sie kümmern, sie verköstigen und unterbringen. Du bist für alles verantwortlich. Weil du der Schriftsteller bist.“
(Joël Dicker, Die Geschichte der Baltimores, Seite 9 f.)

Infos zum Buch

Die Geschichte der Baltimores / Joël Dicker / Piper / 2016 / 512 Seiten / ISBN: 978-3492057646 / Preis: 24,00 Euro / 

5 Comments
Previous Post
18. Mai 2016
Next Post
18. Mai 2016

5 Comments

  • Maja

    Liebe Inga, ich durchstöbere gerade deinen schönen Blog, stoße mich aber daran, dass du bei deinen Buchangaben am Ende der Artikel die Übersetzer*innen nicht nennst. Die brauchen unbedingt mehr Aufmerksamkeit, und so eine Nennung ist da immer wieder ein erster, wichtiger Schritt. Von deinen tollen Fotos bin ich übrigens restlos begeistert! 🙂

    • schonhalbelf

      Hallo Maja, dankeschön für dein Lob, aber auch für deine konstruktive Kritik – für letztere bin ich natürlich immer offen. Ich werde deinen Wunsch in Zukunft berücksichtigen. 🙂 Sonnige Grüße aus Hamburg, Inga

  • Jess

    Hallo Inga,

    ich bin gerade durch dein sympathisches Interview mit Petzi auf dein Blog gestoßen und habe direkt mal los gestöbert. 🙂 Schön, dass dir dieses Buch auch so gut gefallen hat! Ich habe tatsächlich leider erst kürzlich den Autor für mich entdeckt, bin aber von beiden Bücher restlos angetan.

    Liebe Grüße und noch einen schönen Abend!
    Jess

    • schonhalbelf

      Hallo Jess, vielen Dank für deine lieben Worte! „Die Geschichte der Baltimores” ist wirklich ein Kandidat, den ich auch noch ein zweites oder drittes Mal lesen würde, ich fand es großartig.
      Liebe Grüße
      Inga

Leave a Reply

Instagram

  • „Mit Schaf oder ohne?“ 🤪 Nina Sahm erzählt in „Tage mit Bumerang“ mit viel Bedacht Annus Geschichte, die durch eine unüberlegte Handlung ihren einzigen echten Freund verliert. Mit Humor, Optimismus und eben einer großen Portion Schaf beschreibt die Autorin, wie die Protagonistin schließlich Schritt für Schritt in ein neues Leben findet und den Weg aus der Krise meistert. Mehr dazu gibt’s wie immer auf dem Blog. #dietagemitbumerang #ninasahm #hanserverlag (Unbeauftragte Werbung)
  • GEOkompakt ist eine Zeitschrift, die ich bisher gar nicht im Blick hatte, bis @alexfluegel auf einen sehr interessanten Artikel („Warum es Eltern heute so schwer haben“) hingewiesen hat. Gesehen, besorgt und bisher nicht enttäuscht worden. Die Ausgabe ist übrigens bei Weitem nicht nur für Eltern interessant, sondern berichtet ganz losgelöst davon über neue psychologische Erkenntnisse in puncto familiäre Beziehungen und Dynamiken. (Unbeauftragte Werbung)
  • Es ist der Abend im Januar 2015, der alles verändert: Jener Samstagabend, an dem Chanel Miller ihre Schwester auf eine Verbindungsparty begleitet, die auf dem Campus der Stanford University stattfindet. Nachdem sie im Laufe der Party die Örtlichkeit verlassen hat, wird sie bewusstlos von Brock Turner, einem Studenten der Universität, vergewaltigt. Zwei zufällig vorbeikommende schwedische Männer werden Zeugen der Tat und halten Turner davon ab, zu fliehen. Doch das Schlimmste ist bereits geschehen. Mehr über Millers Geschichte findet ihr jetzt auf dem Blog. #ichhabeeinennamen #chanelmiller #chanelmillerknowmyname (Unbeauftragte Werbung)
  • In den letzten Monaten ist meine Zeit sehr knapp geworden - ich möchte mich bei allen bedanken, die mir trotzdem die Treue halten! Es kommen auch wieder andere Zeiten und ich lese nach wie vor unglaublich gerne (wenn auch weniger). Momentan übrigens „Ich habe einen Namen“ von Chanel Miller; ein Buch, durch das man nicht mal eben rauscht, sondern dessen Sätze sacken können müssen. Bis ich es beendet habe, findet ihr aktuell meinen Blogpost „Housesitter“ von Andreas Winkelmann an oberster Stelle. #schonhalbelf #ichhabeeinennamen #housesitter
  • Im Juli 2011 erschüttern die Anschläge in Oslo und auf der Insel Utøya Menschen weltweit. Sella fühlt sich in besonderem Maß betroffen, da die Tochter ihrer Nachbarn zu den Todesopfern gehört. Meine Gedanken zu diesem Roman findet ihr jetzt auf dem Blog. #schonhalbelf #vatermutterkim #eivindhofstadevjemo #luftschachtverlag (Unbeauftragte/unbezahlte Werbung)
  • „Manche Frauen betreten den Kreißsaal im Jahr 2019 und kommen im Jahr 1950 wieder raus.“ - ein Zitat, das nicht aus diesem Roman stammt, den Ausgangspunkt für die Geschichte jedoch ziemlich gut trifft. Alle Details zu „Jesolo“ von Tanja Raich findet ihr auf dem Blog. #schonhalbelf #Jesolo #tanjaraich

schonhalbelf