Liebe

Unwetter von Marijke Schermer

Unwetter von Marijke Schermers beschäftigt sich mit der Frage, wieviel Wahrheit eine Beziehung erträgt – und ob man überhaupt immer zur Wahrheit verpflichtet ist.

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Inhalt kurz zusammengefasst

Emilia kann sich glücklich schätzen: Mit ihrem Mann und ihren zwei kleinen Kindern lebt sie in idyllischer Lage vor den Toren Amsterdams im kürzlich erworbenen Eigenheim. Die Beziehung ist erfüllt, die Kinder gesund, finanzielle Sorgen gibt es nicht. So zumindest der Eindruck von außen.

Doch Emilia hütet ein Geheimnis. Nein, an dieser Stelle beginnt keine Kriminalroman, zumindest keiner, in dem die Protagonistin die Täterin ist – sie ist das Opfer. Opfer eines Verbrechens und vor allem Opfer ihrer eigenen Vergangenheit. So viele Jahre die Tat auch her ist, sie lässt Emilia nicht los, sondern wird immer mächtiger und präsenter.

Mehr und mehr sieht sie sich mit der Frage konfrontiert, ob es richtig war, ihrem Mann, den sie zum Tatzeitpunkt erst kennenlernte, das Verbrechen zu verheimlichen. Muss man einander in einer Beziehung wirklich alles sagen? Was kann man dem Partner zumuten und was sich selbst? Ist Schweigen gleich Lügen oder nur das Zurückhalten von Informationen?

Während der Regen unaufhaltsam fällt und das Wohnviertel nach und nach zum Notstandsgebiet wird, steigt auch Emilia das Wasser bis zum Halse.

Wie war Unwetter?

Der Plot hat mich sofort gepackt, sodass ich sehr gespannt auf das Werk der niederländischen Autorin und Regisseurin Marijke Schermer war. Ihren Roman zu beschreiben, fällt mir jedoch nicht ganz leicht. Vielleicht, weil er insgesamt schwer greifbar für mich war.

Vermutlich deshalb, weil die Autorin es schafft, den Leser trotz Ich-Perspektive der Protagonistin stets gekonnt auf Distanz zu halten und nicht an sich heran lässt, obwohl er von Beginn der Erzählung an mehr weiß, als Emilias eigener Ehemann – oder vielleicht doch nicht? Negativ habe ich diesen Abstand dennoch nicht empfunden, da es vermutlich genau diese Grenze um Emilia herum ist, die sie auch ihrem Ehemann gegenüber errichtet hat und im Laufe des Romans immer höher baut.

Analog zu Emilias innerem Konflikt spitzt sich die Wetterlage zu, die sinnbildlich für ihr inneres Dilemma steht. Statt zu fliehen und einer Evakuierung zuzustimmen, quartiert das Paar die Kinder aus und versucht, das Haus vor der Überflutung zu retten. Eindrücklich und doch immer mit einer gewissen Distanz schildert die Autorin parallel den Kampf gegen die Wassermassen und die Dämonen aus Emilias Vergangenheit.

Unwetter ist trotz seines gegenteiligen Titels ein ruhiger Roman, der mich auf seltsame Art und Weise gefesselt hat. Er lebt von einem Wechselspiel eindringlicher Schilderungen und dem Wegstoßen des Lesers. Wer sich auf dieses Nähe-Distanz-Spiel einlässt, erlebt jedoch eine packende Geschichte, die es in sich hat.

Ein kurzes Zitat aus dem Buch

„Im ersten Sommer ihrer Beziehung hat sie den Tenor gesetzt, als sie beschloss, ihm nicht zu erzählen, was passiert war. Was passiert ist, macht mich nicht aus, rechtfertigt sie das sich selbst gegenüber, im Gegenteil: Es würde sich vor mich schieben und ihm die Sicht auf mich nehmen. Es ist ein Akt der Autonomie zu entscheiden, ob ein Vorfall eine Rolle in deinem Leben spielen darf oder nicht. Stimmt das?”
(Marijke Schermer, Unwetter, Kampa, Seite 14)

Infos zum Buch

Unwetter / Marijke Schermer / Übersetzerin: Hanni Ehlers / Kampa / 2019 / 192 Seiten / ISBN: 978 3 311 10010 2 / Preis: 20,00 Euro / Jetzt online kaufen* /

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2 Comments
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11. Juni 2019
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2 Comments

  • Karin

    Das hört sich tatsächlich sehr interessant an. Ich weiß gar nicht wieso (vielleicht lag es an den Körpern auf dem Cover), aber ich dachte es ginge irgendwie um die eher körperlichen Themen einer Beziehung, daher hatte ich das Buch nicht weiter beachtet. Diese aber scheinbar sehr psychologische Sichtweise finde ich sehr spannend! Werde mir das Buch daher gerne mal merken. 🙂 Zudem finde ich, dass du es sehr schön beschrieben hast, wie der Titel zum Inhalt passt.

    Liebe Grüße
    Karin

    • schonhalbelf

      Hallo Karin,
      vielen Dank für dein Lob und deinen Kommentar ganz allgemein! Es freut mich, dass dir der Post einen neuen Blickwinkel auf den Roman eröffnet hat – ich bin gespannt, ob du ihn auch noch lesen wirst und wie er dir gefällt. Körperliche Themen innerhalb einer Beziehung sind tatsächlich gar kein (großes) Thema. 🙂
      Liebe Grüße!

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