Gegenwartsliteratur

Sympathie von Olivia Sudjic

Sympathie von Olivia Sudjic ist ein sehr besonderes Debüt über das obsessive und destruktive Verhältnis zweier junger Frauen zueinander und die Rolle, die soziale Netzwerke auf unsere Beziehungen haben.

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Inhalt kurz zusammengefasst

Alice ist 23, wurde in Großbritannien von Adoptiveltern aufgezogen und versucht – auf Anraten ihrer Mutter hin – gerade, ihrer unheilbar an Krebs erkrankten und in New York lebenden Großmutter Silvia eine Stütze zu sein. Um sich in der ihr bis dato unbekannten Metropole nicht allzu verloren zu führen und Zeit totzuschlagen, dokumentiert sie ihre Spaziergänge durch die Stadt in Form von Fotos und veröffentlicht diese auf ihrem Instagram-Profil.

„Alles kam mir wunderschön vor. Blüten schimmerten auf den schwarzen Zweigen der Hartriegelsträucher. Das war das erste Bild, das ich in die Welt verschickte. (…) Von diesem Moment an war ich süchtig danach, durch die Stadt zu spazieren, sie zu dokumentieren, sie aufzuspalten, damit ich sie festhalten konnte.” (Olivia Sudjic, Sympathie, S. 65)

In dieser Orientierungsphase ihres Lebens (Alice hat gerade ihr Studium abgeschlossen) stößt sie auf das Instagram-Profil der jungen Autorin Mizuko. Schnell entwickelt sich bei Alice eine Faszination für die junge Künstlerin, die sich schon bald in eine echte Obsession verwandeln soll. Doch es ist nicht nur die Bewunderung für Mizuko, die Alice in ihren Bann zieht, sondern auch der Fakt, dass sie auf zahlreiche Ähnlichkeiten in ihrer beiden Lebensläufe stößt.

Nach einiger Zeit schafft sie es, im echten Leben Kontakt zu Mizuko aufzubauen, ihr immer näher zu kommen und wird sich der Diskrepanz, die zwischen dem Online- und dem Offline-Ich einer Person steckt, schmerzhaft bewusst.

Wie war Sympathie?

Kein & Aber ist mal wieder nicht nur ein Verlag, sondern ein Qualitätssiegel: Olivia Sudjic hat mit Sympathie einen unglaublich starken Roman über Freundschaft, Liebe und Identität im digitalen Zeitalter geschaffen, der sich nicht nur inhaltlich sondern auch stilistisch sehen lassen kann.

Sie ist eine der wenigen, der es gelungen ist, wirklich präzise und realistisch über den Einfluss von sozialen Netzwerken auf unser aller Privatleben zu schreiben. Sympathie ist der erste Roman, bei dem ich das Gefühl habe, die Autorin weiß genau, wovon sie schreibt und hat sich nicht von einer jüngeren Person erklären lassen, was es denn nun mit diesem Insta-Gramm auf sich hat (muss sie auch nicht, sie ist 1988 geboren). Bei Geschichten, die versuchen, die Macht von sozialen Netzwerken auf unsere Beziehungen im Offline-Leben zu beschreiben, hatte ich bisher immer das Problem, dass sie entweder völlig überzogen waren oder dass sie mit so großer Distanz geschrieben waren, dass es wirkte, als habe sich der Autor das Wissen über soziale Netzwerke nur angelesen und nicht wirklich erfahren, welche Konsequenzen deren Nutzung auf die menschliche Psyche haben kann.

Das Thema digitale Beziehungen ist jedoch nur eins von vielen in diesem Debütroman. Es geht um Freundschaft, Liebesbeziehungen, um Kritik an all den hippen, sich selbst als Entrepreneure bezeichnenden Schaumschlägern unserer Generation, um den Stellenwert von Familie, um Eltern-Kind-Beziehungen und auch um das Abschiednehmen vom Leben

Sympathie ist ein großartiges Debüt, das ich langsam, geradezu bedächtig gelesen habe, um ja nichts zu überlesen, das sich hinter den sorgfältig gewählten Worten verbirgt. Es macht nachdenklich, es erschüttert, aber kommt immer wieder mit ironischem Witz daher, der die Schwermut aufhebt und das Lesen zum Vergnügen macht.

Dass ich die Protagonistin nicht sympathisch fand und viele, viele, viele ihrer Handlungen persönlich nicht nachvollziehen kann, tun dem Roman keinen Abbruch, denn darum geht es in meinen Augen nicht.

Eine kurze Passage aus dem Buch

Wir gingen hinunter. Draußen tobte ein heftiger Sturm. Der Himmel leuchtete vor dem Kaminfenster auf wie Alufolie, der Wind rüttelte an den Läden, und ein- oder zweimal erleuchteten venenartige Blitze den Himmel. Durch das Fenster auf der anderen Seite sah man im bleichen Licht die vom letzten Sturm zerstörte Mauer, den verkohlten Telegrafenmast und den abgebrannten Baum.
(Olivia Sudjic, Sympathie, Seite 468)

Infos zum Buch

Sympathie / Olivia Sudjic / Übersetzerin: Anna-Christin Kramer / Kein & Aber / 2017 / 496 Seiten / ISBN: 978-3-0369-5757-9 / Preis: 24,00 Euro / Online kaufen* / Verlagsinfo /

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  • Im Juli 2011 erschüttern die Anschläge in Oslo und auf der Insel Utøya Menschen weltweit. Sella fühlt sich in besonderem Maß betroffen, da die Tochter ihrer Nachbarn zu den Todesopfern gehört. Meine Gedanken zu diesem Roman findet ihr jetzt auf dem Blog. #schonhalbelf #vatermutterkim #eivindhofstadevjemo #luftschachtverlag (Unbeauftragte/unbezahlte Werbung)
  • „Manche Frauen betreten den Kreißsaal im Jahr 2019 und kommen im Jahr 1950 wieder raus.“ - ein Zitat, das nicht aus diesem Roman stammt, den Ausgangspunkt für die Geschichte jedoch ziemlich gut trifft. Alle Details zu „Jesolo“ von Tanja Raich findet ihr auf dem Blog. #schonhalbelf #Jesolo #tanjaraich
  • Wohnen ist meinen Augen eines DER Themen (nicht nur)  meiner Generation. Traurigerweise stellt sich für die meisten gar nicht mehr die Frage, wie sie wohnen möchten, sondern viel mehr, wie und wo sie überhaupt noch wohnen können. Dieser Thematik widmet sich auch Svenja Gräfen in ihrem zweiten Roman „Freiraum“. Ich freue mich, wenn ihr den Blogpost dazu lest! #freiraum #svenjagräfen #ullstein #ullsteinfünf (Unbeauftragte Werbung)
  • Man kann nicht alles mögen. Dieses Buch zum Beispiel. Ich hatte durch eine vorangegangene Empfehlung recht hohe Erwartungen, die aber leider nicht erfüllt werden konnten (Begründung gibt's auf dem Blog). Wer von euch hat es auch gelesen und wie hat es euch gefallen? #schonhalbelf #alleswasichweißüberdieliebe
  • Ein wenig habe ich mich hier ja schon mit euch über den Roman ausgetauscht und nun gibt‘s meine ausführliche Meinung auf dem Blog. 🙋🏼‍♀️ #dasverschwindenderstephaniemailer #joeldicker #schonhalbelf
  • Seite 78 von 293 und ich kann es kaum abwarten, heute Abend weiter zu lesen. Nach „Das Rauschen in unseren Köpfen“ war für mich klar, auch den zweiten Roman von Svenja Gräfen zu lesen. Auch „Freiraum“ handelt von der Liebe, viel mehr aber noch von der Frage, wie, wo und vor allem mit wem wir in Zeiten von Luxussanierungen und Wohnungsknappheit leben möchten. #freiraum #svenjagräfen #schonhalbelf #ullstein (Unbeauftragte Werbung)

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