Gegenwartsliteratur

Menschliche Dinge von Karine Tuil

Menschliche Dinge von Karine Tuil oder auch: Das erste Buch, das ich im Jahr 2021 beendet habe. Karine Tuil erzählt – inspiriert vom sogenannten „Fall Stanford” – die Geschichte eines jungen Mädchens, das vergewaltigt wird. Oder die Geschichte eines angesehenen Fernsehjournalisten, der Angst vor dem Altern hat? Oder von einer Redakteurin, die sich laut für den Feminismus einsetzt und deren Sohn plötzlich vorgeworfen wird, ein Vergewaltiger zu sein …?

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(Hintergrundbild: Pawel Czerwinski)

Inhalt kurz zusammengefasst

Claire und Jean Farel geben ein glamouröses Paar ab: Er interviewt als Fernsehjournalist die bekanntesten Politiker Frankreichs und solche, die es werden möchten. Sie setzt sich lautstark für den Feminismus ein und gilt als Intellektuelle. Ihr Sohn Alexandre steht ihnen in nichts nach – er ist gutaussehend, sportlich und studiert an einer amerikanischen Eliteuniversität.

Hinter verschlossenen Türen sieht alles ganz anders aus. Sowohl Claire als auch Jean führen parallel zu ihrer Ehe Beziehungen. Alexandre hat bereits einen Suizidversuch hinter sich. Endgültig ins Wanken bringt das Ganze ein Abend, an dem Alexandre mit der Tochter von Claires neuem Freund eine Party besucht. Am Tag darauf steht die Polizei bei den Farels vor der Tür: Das junge Mädchen hat bei der Polizei Anzeige wegen Vergewaltigung erstattet. Der Täter soll Alexandre sein.

Wie war Menschliche Dinge?

Wenn auch die Perspektive eine völlig andere ist, erinnert mich der Roman sehr stark an Ich habe einen Namen von Chanel Miller, das ich im Jahr 2019 gelesen habe. Das ist keine große Überraschung, da Menschliche Dinge auf dem „Fall Stanford” basiert, der in Ich habe meinem Namen durch das Opfer selbst aufgearbeitet wird. Ich muss gestehen, dass es dadurch für mich streckenweise ein ein wenig langatmig war – es kam mir insgesamt doch alles recht bekannt vor, auch wenn Menschliche Dinge einen grundlegend anderen Rahmen hat.

Dieser Rahmen war es letztlich, der mich dazu motiviert hat, die knapp 400 Seiten recht schnell durchzulesen. Da ist Jean Farel, dessen Leben von Ängsten geprägt ist – Angst vor dem Älterwerden, aber vor allem die Angst davor, irrelevant zu werden und das Feld den jüngeren Kollegen überlassen zu müssen, quält ihn tagein tagaus.
Sein Sohn Alexandre findet seinen Platz im Leben nicht, obwohl ihm sämtliche Türen offen stehen. Er leidet unter seiner letzten Trennung und kann die Zurückweisung nicht recht akzeptieren.
Und Claire, die mit ihren Äußerungen zum Thema Feminismus nur zu gerne im Rampenlicht steht, wird von dem Vergewaltigungsvorwurf gegenüber ihres Sohns gleich doppelt und dreifach getroffen: Wie geht eine Frau damit um, die sich in der Öffentlichkeit permanent für Frauenrechte und Gleichberechtigung einsetzt? Kann sie ihrem Sohn glauben, der seine Unschuld beteuert, oder ist er schuldig? Und wenn ja, inwiefern trägt sie als Mutter eine Mitschuld? Und was bedeutet der Vorwurf für ihre Beziehung zu ihrem neuen Freund – dessen Tochter das mögliche Vergewaltigungsopfer Alexandres ist?

Über viele Ebenen hinweg bereitet Karine Tuil den Fall und all seine Konsequenzen, die er für diverse Beteiligte mit sich bringt, auf. Während die erste Hälfte sich auf das Leben der Farels beschränkt, spielt sich die zweite Hälfte fast ausschließlich vor Gericht ab. Die Verhandlung ist – zumindest für mich als juristische Laiin – äußerst aufschlussreich gewesen und vermittelt eindrucksvoll die Komplexität des Strafbestands und vor allem der Urteilsfindung für Vergewaltigungsfälle.

Mir hat Menschliche Dinge an sich gut gefallen, doch kam es mir nie wie ein „richtiger” Roman vor, sondern stets so, als habe sich Karine Tuil ein aktuelles Thema herausgepickt, das sie erörtern möchte und es dafür in eine Geschichte gekleidet hat. Das ist an sich nicht ungewöhnlich, jedoch sollte man das meiner Meinung nach einem Roman nicht anmerken.
In mir bleibt das Gefühl, das Karine Tuil vielleicht eigentlich gar keinen Roman schreiben wollte, sondern ihre Figuren einfach als Mittel zum Zweck eingesetzt hat. Ich denke, das ist für mich der große Störfaktor gewesen. Wer sich für das Thema Vergewaltigung und die damit verbundene Rechtssprechung interessiert, dem lege ich eher Ich habe einen Namen* von Chanel Miller ans Herz.

Ein kurzes Zitat aus dem Buch

„Im Kampf gegen Gewalt hatte sie bisher immer Partei für die Frauen – die Opfer – ergriffen, aber nun wollte sie in erster Linie ihren Sohn schützen. Sie hatte am eigenen Leib die Diskrepanz zwischen engagierten, humanistischen Reden und den Realitäten des Lebens erfahren, sie hatte begreifen müssen, dass die nobelsten Ideale nichts taugen, wenn persönliche Interessen im Spiel sind, die den Blick auf weite Horizonte verstellen und das gesamte Dasein in Mitleidenschaft ziehen.”
(Karine Tuil, Menschliche Dinge, Ullstein)

Infos zum Buch

Menschliche Dinge / Karine Tuil / Übersetzerin: Maja Ueberle-Pfaff / Ullstein / 2020 / 384 Seiten / ISBN: 9783546100021 / Preis: 22,00 Euro / Jetzt online kaufen* /

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