Gegenwartsliteratur

Jesolo von Tanja Raich

Jesolo von Tanja Raich stach mir bereits Anfang des Jahres ins Auge und ich habe mich sehr auf die Lektüre gefreut. Aufgrund privater Umstände ist es bei mir leider hintenübergefallen, doch im September, also streng genommen nur einen Monat nach Ende der Urlaubssaison, die für diesen Roman ja nicht ganz unwichtig ist, bin ich endlich dazu gekommen, es zu lesen.

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Inhalt kurz zusammengefasst

Andreas Leben ist durch und durch unspektakulär. Normal. Geregelt. Sie führt eine weitestgehend, aber nicht übermäßig glückliche Beziehung mit Georg, und das schon sehr lange. Jeden Sommer reisen sie nach Italien, genauer gesagt nach Jesolo. Dort essen sie die immer gleiche Pizza, gehen an den gleichen Strand und haben den gleichen Tagesablauf – man will ja kein Risiko eingehen.

Seit Ewigkeiten wünscht sich Georg schon, dass Andi mit ihr in eine Wohnung im Haus seiner Eltern zieht – so oft laufe man sich schon nicht über den Weg. Die Schwiegereltern wiederum wünschen sich zusätzlich noch unbedingt ein Enkelkind. Andi hingegen möchte nur eins: ihre Ruhe. Und damit einhergehend die Freiheit, sich nicht festlegen zu müssen, sondern einfach weiter machen zu können wie bisher.

Doch nach dem diesjährigen Urlaub in Jesolo ist sie schwanger und alles andere als sicher, ob sie das Kind wirklich bekommen möchte. Genau genommen weiß sie nicht einmal, ob sie Georg von der Schwangerschaft erzählen soll. Muss sie das überhaupt?

Wie war Jesolo von Tanja Raich?

Ein bisschen tiefer muss ich nun doch gehen: Die Protagonistin beschließt, das Kind zu behalten – und Tanja Raif dokumentiert in ihrem Debüt zehn Monate im Leben einer Frau auf dem Weg zu ihrem ersten Baby. Abseits von Babyparties mit Windeltorten und Heiteitei blickt sie hinter die Fassade der vermeintlich so schönen Zeit der Schwangerschaft. Stattdessen schreibt sie schonungslos ehrlich über die inneren Kämpfe, die Andrea während der zehn Monate innerlich und äußerlich austragen muss.

Von der Aufgabe ihrer Freiheit, dem Errichten des neuen Familiennests, über ihre Wehmut, den Job (erst einmal?) hinter sich zu lassen und die Absurdität, dass im eigenen Körper ein neuer Mensch heranwächst, lässt die Autorin kaum einen Aspekt aus. Über allem steht jedoch immer eins: Die nicht enden wollenden Kommentare, Ratschläge und Ansichten der Menschen aus ihrem Umfeld bezüglich ihrer Schwangerschaft – und letztlich der Zerfall ihres Lebensentwurfs.

Zu viel möchte ich nun doch nicht verraten, aber so viel sei gesagt: Jesolo ist ein gelungener, ungeschönter Roman über das Erwachsensein und Gründen einer Familie. Er zeigt die noch immer fest verankerten Mechanismen und Ansichten der Gesellschaft hinsichtlich Kind & Karriere auf und liefert er eine sehr kritische Erklärung für den vermeintlichen Sinneswandel, den viele Frauen im Laufe einer Schwangerschaft durchlaufen. Lesenswert! Ich bin mir sicher, dass wir von Tanja Raif noch mehr hören werden und der Meinung, dass sie entsprechendes Gehör verdient.

Ein kurzes Zitat aus dem Buch

„Sie sagen: Du darfst nicht zu viel essen. Jetzt darfst du für zwei essen. Ein Kaiserschnitt ist keine richtige Geburt. Eine Schwangerschaft ist kein Weltuntergang. In deinem Alter, ist das nicht zu riskant? Darf ich deinen Bauch anfassen? Man sieht ja noch gar nichts. War es geplant? Wie kannst du nur ein Kind in die Welt setzen?”
(Tanja Raich, Jesolo, Blessing, Seite 110)

Infos zum Buch

Jesolo / Tanja Raich / Blessing / 2019 / 224 Seiten / ISBN: 978-3-89667-644-3 / Preis: 20,00 Euro / Jetzt online kaufen* /

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