Gegenwartsliteratur

Dunkelgrün fast schwarz von Mareike Fallwickl

Dunkelgrün fast schwarz von Mareike Fallwickl ist ganz sicher der Roman, den ich das gesamte restliche Jahr über all denen empfehlen werde, die mich nach einem Buchtipp fragen. Besonders jenen, die sonst nicht so viel lesen und bei denen eine Empfehlung wirklich ein Treffer sein muss, weil es eben gegebenenfalls nur eins von fünf Büchern ist, die die Personen überhaupt im Jahr lesen.

mareike-fallwickl-dunkelgruen-fast-schwarz-schonhalbelf-buchblog-buch-empfehlung-tipp-kritik-neuerscheinung-maerz-2018-frankfurter-verlagsanstalt

Inhalt kurz zusammengefasst

Wäre Marie nicht ungewollt von Alexander schwanger geworden, wäre Moritz nicht geboren worden. Hätten sie und Alexander und nicht geheiratet. Wären sie nicht in das kleine Dorf auf dem Berg gezogen. Wäre sie nicht eines Tages mit Moritz auf dem Spielplatz dem gleichaltrigen Raffael und dessen Mutter Sabrina begegnet. Hätte Marie nicht gesehen, wie Raffael seinen kleinen Bruder absichtlich und mit voller Wucht getreten hätte. Aber das Leben nimmt keine Rücksicht auf den Konjunktiv.

Und so beginnt die Freundschaft zwischen Moritz und Raffael mit den eiskalten blauen Augen, der Freude dabei empfindet, andere Kinder physisch und psychisch zu verletzen. Der sich schon als Kind jedem überlegen fühlt, inklusive den Erwachsenen, die gegen das Boshafte in ihm vorgehen möchten – und es irgendwann bleiben lassen. Es ist eine Freundschaft, die den Namen nicht verdient, weil sie nie gleichberechtigt war und nie auch nur den Hauch einer Chance hatte, es zu werden: Raffael ist brutal, arrogant und genießt es, Schwächere zu dominieren. Moritz hingegen ist sensibel, künstlerisch begabt und sehr empfindsam; er hat unter anderem die Fähigkeit, farbige Auren um Menschen herum zu sehen und aus ihnen beispielsweise die Stimmung der Person abzulesen oder wahrzunehmen, ob sie die Wahrheit sagt oder nicht.

„Einst war Raffael knospengrün, raupengrün, wie Zuckererbsen in ihrer frisch geöffneten Schote, an manchen Tagen limonenhell. Schwarze Flecken hat das Grün bekommen, wie Schimmel. (…) Etwas ist passiert. Er weiß, dass Raffael nicht schläft. Er erkennt es an den aufleuchtenden Spritzern, die durch das Grün schießen. Keiner sagt ein Wort.” (S. 39)

Die beiden werden erwachsen, verflechten sich in einem Netz aus Geheimnissen, Lügen und emotionaler Brutalität, bis Raffael eines Tages nach Wien verschwindet und den Kontakt abbricht. Jahre später steht er plötzlich vor Moritz‘ Wohnungstür und lässt die Bombe platzen.

Wie war Dunkelgrün fast schwarz?

Kann es sein, dass ein Kind von Geburt an bösartig ist? Was macht man, wenn man es als Eltern bemerkt? Und wie setzt sich das Leben eines solchen Kindes fort, welche Auswirkungen wird es auf die Leben anderer haben? Das erste Buch, das ich zu genau diesen Fragestellungen gelesen habe, war Einer von uns. Das zweite Dunkelgrün fast schwarz von Mareike Fallwickl. Und obwohl beide völlig andere Antworten auf diese Fragen geben, haben sie eins gemeinsam: Sie haben mich beide auf eine fast gruselige Art fasziniert.

Mareike Fallwickl hat es geschafft, einen bemerkenswerten und unglaublich spannenden Roman über eine toxische Dreier-„Freundschaft” zu schreiben. Zahlreiche Zeit- und Perspektivenwechsel verleihen ihm die nötige Dynamik und für den Rest sorgt die sehr kreative Sprache, die man meiner Meinung nach als Stoff für ein Lehrbuch zum Thema „Gelungene Vergleiche und Personifizierungen” hernehmen könnte, würde es denn ein solches Lehrbuch geben.

Und falls nun noch jemand Bedenken ob der 475 Seiten haben: Je weiter die Handlung voranschreitet, umso mehr nimmt die Geschichte an Fahrt auf. Ich musste mich gegen Ende regelrecht zwingen, mich nicht zu hetzen, damit mir bei all der Neugier und dem daraus resultierenden Drang, das Buch schnell zu beenden, auch ja nichts von dem so sehr gelungenen Schreibstil entgeht, der Mareike Fallwickels Roman zu einem echten Schmuckstück macht.

Daumen hoch!

Kurzes Zitat

Sie setzten sich auf die Leiter, die zum Baumhaus hinaufführte, und ließen die Beine in der Luft baumeln. Die Langeweile der Sommertage war wie eine alles umwickelnde Folie, man konnte sich nur langsam bewegen darin. Aber im Wald war es wenigstens nicht so heiß wie auf der Wiese, die Baumwipfel bildeten ein Schutzdach, eine lebende Markise.
(Mareike Fallwickl, Dunkelgrün fast schwarz, S. 43)

mareike-fallwickl-dunkelgruen-fast-schwarz-schonhalbelf

Infos zum Buch

Dunkelgrün fast schwarz / Mareike Fallwickl / Frankfurter Verlagsanstalt / 05.03.2018 / 480 Seiten / ISBN: 9783627002480 / Preis: 24,00 Euro / Jetzt online kaufen* /

*Affiliate-Link

4 Comments
Previous Post
12. März 2018
Next Post
12. März 2018

4 Comments

Leave a Reply

Instagram

  • Mal ehrlich: Ab und zu darf‘s auch mal was Seichtes sein. Unrealistisch? Klar. Kitschig? Auf jeden Fall. Aber eben auch einfach wahnsinnig entspannend. Der @piperverlag hat mich mit einem für mich neuen Roman von Nicolas Barreau überrascht, der genau richtig für verregnete stürmische Februartage war (gab es diesen Monat eigentlich einen Tag, an dem KATWARN keine Sturmflutmeldung für Hamburg herausgegeben hat?!). Alle Details zum Roman findet ihr auf meinem Blog. 🥐🥖💌 #schonhalbelf #nicolasbarreau #dieliebesbriefevonmontmartre (Unbeauftragte Werbung)
  • „Mit Schaf oder ohne?“ 🤪 Nina Sahm erzählt in „Tage mit Bumerang“ mit viel Bedacht Annus Geschichte, die durch eine unüberlegte Handlung ihren einzigen echten Freund verliert. Mit Humor, Optimismus und eben einer großen Portion Schaf beschreibt die Autorin, wie die Protagonistin schließlich Schritt für Schritt in ein neues Leben findet und den Weg aus der Krise meistert. Mehr dazu gibt’s wie immer auf dem Blog. #dietagemitbumerang #ninasahm #hanserverlag (Unbeauftragte Werbung)
  • GEOkompakt ist eine Zeitschrift, die ich bisher gar nicht im Blick hatte, bis @alexfluegel auf einen sehr interessanten Artikel („Warum es Eltern heute so schwer haben“) hingewiesen hat. Gesehen, besorgt und bisher nicht enttäuscht worden. Die Ausgabe ist übrigens bei Weitem nicht nur für Eltern interessant, sondern berichtet ganz losgelöst davon über neue psychologische Erkenntnisse in puncto familiäre Beziehungen und Dynamiken. (Unbeauftragte Werbung)
  • Es ist der Abend im Januar 2015, der alles verändert: Jener Samstagabend, an dem Chanel Miller ihre Schwester auf eine Verbindungsparty begleitet, die auf dem Campus der Stanford University stattfindet. Nachdem sie im Laufe der Party die Örtlichkeit verlassen hat, wird sie bewusstlos von Brock Turner, einem Studenten der Universität, vergewaltigt. Zwei zufällig vorbeikommende schwedische Männer werden Zeugen der Tat und halten Turner davon ab, zu fliehen. Doch das Schlimmste ist bereits geschehen. Mehr über Millers Geschichte findet ihr jetzt auf dem Blog. #ichhabeeinennamen #chanelmiller #chanelmillerknowmyname (Unbeauftragte Werbung)
  • In den letzten Monaten ist meine Zeit sehr knapp geworden - ich möchte mich bei allen bedanken, die mir trotzdem die Treue halten! Es kommen auch wieder andere Zeiten und ich lese nach wie vor unglaublich gerne (wenn auch weniger). Momentan übrigens „Ich habe einen Namen“ von Chanel Miller; ein Buch, durch das man nicht mal eben rauscht, sondern dessen Sätze sacken können müssen. Bis ich es beendet habe, findet ihr aktuell meinen Blogpost „Housesitter“ von Andreas Winkelmann an oberster Stelle. #schonhalbelf #ichhabeeinennamen #housesitter
  • Im Juli 2011 erschüttern die Anschläge in Oslo und auf der Insel Utøya Menschen weltweit. Sella fühlt sich in besonderem Maß betroffen, da die Tochter ihrer Nachbarn zu den Todesopfern gehört. Meine Gedanken zu diesem Roman findet ihr jetzt auf dem Blog. #schonhalbelf #vatermutterkim #eivindhofstadevjemo #luftschachtverlag (Unbeauftragte/unbezahlte Werbung)

schonhalbelf