Gegenwartsliteratur

Bret Easton Ellis und die anderen Hunde von Lina Wolff

Bret Easton Ellis und die anderen Hunde von Lina Wolff ist der erste Roman des neuen Tempo Verlags (das erste Programm erschien in diesem Frühjahr), den ich gelesen habe. Vorhaben des Verlags ist nach eigenen Angaben, „Romane und Sachbücher zu verlegen, die sich etwas trauen”. Bret Easton Ellis und die anderen Hunde hat bei der Programmdurchsicht meine gesamte Aufmerksamkeit auf sich gezogen: Auffälliges Cover, interessanter Inhalt und an Bret Easton Ellis im Buchtitel bin ich wohl nicht als einzige hängengeblieben. 

lina-wolff-bret-easton-ellis-und-die-anderen-hunde-schonhalbelf-buchblog-rezension-kritik-tipp-buchtipp-empfehlung-neuerscheinung-tempo

Inhalt kurz zusammengefasst

Alba Cambó ist eine junge exzentrische Schriftstellerin, die künstlerisch gesehen noch Großes vorhat. Gemeinsam mit ihrem Freund bezieht sie in Barcelona eine Wohnung und wird fortan sorgfältig von Araceli und ihrer alleinerziehenden Mutter beobachtet. Das Mutter-Tochter-Paar kauft nicht nur jede Zeitung, in der ein Text Albas veröffentlicht wird, sondern registriert auch im täglichen Leben die Gewohn- und Eigenheiten der Künstlerin.

Aus dem bloßen Beobachten entsteht loser Kontakt, aus dem losen Kontakt ein persönlicher Alptraum für Araceli: Alba quartiert (von langer Hand geplant, aber geschickt umgesetzt) ihre Putzhilfe, eine illegale Einwanderin aus Guatemala, bei Araceli und ihrer Mutter ein, obwohl letztere sie weder bezahlen, noch wirklich gebrauchen kann. Fortan leben die drei zu dritt in der Wohnung, in der „mehrere Zentimeter lange Küchenschaben (…) herumschwirren” (S. 29) und und überall Puppenhüllen von Maden herumliegen.

Was Araceli und ihre Mutter zu diesem Zeitpunkt noch nicht wissen: Alba Combó ist lebensbedrohlich erkrankt.

Wie war Bret Easton Ellis und die anderen Hunde?

Bret Easton Ellis und die anderen Hunde geht nicht nur an, sondern sogar unter die Substanz. Auch wenn der Titel im ersten Moment eine stilistische Ähnlichkeit zu Bret Easton Ellis suggerieren könnte, hat dieser Roman weder etwas mit amerikanischer Popliteratur noch mit einem Horrorroman à la American Psycho zu tun, sondern ist vielmehr moderne, feministische Literatur.

Lina Wolff puzzelt fragmentarisch und schonungslos die Lebensgeschichten verschiedener Charaktere zusammen, bis sich ein Gemälde über die Schriftstellerin Alba zusammenfügt. Dennoch bleibt das Gemälde immer ein Puzzle – zusammengestückelt, manchmal falsch zusammengesetzt und wieder auseinander genommen, durchzogen von kleinen Trennlinien und ausgefransten Rändern.

Lina Wolffs Roman hat mich aufgrund der Zeitsprünge, Perspektivwechsel, aber vor allem aufgrund seiner Schonungslosigkeit gefordert: Da geht es um eine Katze, die in einem Kochtopf gekocht und getötet wird und um Träume, in denen Frauen jeden Umfangs aufgereiht an Kleiderstangen hängen. Um Wohnungen, die nach Schimmel und Eintopf riechen und den Bewohnerinnen wie das eigene Mausoleum vorkommen. Und letztlich auch um eine Abrechnung mit der Männerwelt: Mit den sogenannten „Eintagsmännern”, den schnell vergänglichen Beziehungen von Aracelis Mutter, aber auch mit männlichen Autoren wie eben Ellis, Houellebecq und Bukowski – nach ihnen sind im Roman männliche Hunde benannt, die in einem Bordell in Zwingern ihr Dasein fristen müssen und von den Prostituierten gequält werden, wenn deren Kunden sie schlecht behandelt haben.

Alles in allem ist Bret Easton Ellis und die anderen Hunde für mich ein sehr extremer Roman, den ich eigentlich ein zweites Mal lesen müsste, um ihn in all seiner Tiefe zu erfassen und noch mehr interpretieren zu können – leider bin ich mir aber nicht sicher, ob ich das überhaupt möchte, weil mir der Roman teilweise einfach zu abgedreht war.

Ein kurzes Zitat aus dem Buch

Gegen elf stand der Kanarienmann frisch geduscht und gekämmt im Flur und verabschiedete sich. Er müsse jetzt gehen, aber vielleicht würden sie ja mal wieder voneinander hören.
„Sicher”, sagte meine Mutter.
Dann ging der Kanarienmann. Und kam nie wieder zurück.
Hinterher sagte meine Mutter: „Für die Liebe bin ich bereit, aber nicht für Liebhaber oder Ehemänner. Die halte ich nicht aus.”
(Lina Wolff, Bret Easton Ellis und die anderen Hunde, Seite 41)

Infos zum Buch

Bret Easton Ellis und die anderen Hunde / Lina Wolff / Übersetzer: Stefan Pluschkat / Tempo / 2017 / 304 Seiten / ISBN: 978-3-455-00107-5 / Preis: 22,00 Euro / Jetzt online kaufen* / Verlagsinfo /

*Affiliate-Link

No Comments
Previous Post
22. August 2017
Next Post
22. August 2017

No Comments

Leave a Reply

Instagram

  • Man kann nicht alles mögen. Dieses Buch zum Beispiel. Ich hatte durch eine vorangegangene Empfehlung recht hohe Erwartungen, die aber leider nicht erfüllt werden konnten (Begründung gibt's auf dem Blog). Wer von euch hat es auch gelesen und wie hat es euch gefallen? #schonhalbelf #alleswasichweißüberdieliebe
  • Ein wenig habe ich mich hier ja schon mit euch über den Roman ausgetauscht und nun gibt‘s meine ausführliche Meinung auf dem Blog. 🙋🏼‍♀️ #dasverschwindenderstephaniemailer #joeldicker #schonhalbelf
  • Seite 78 von 293 und ich kann es kaum abwarten, heute Abend weiter zu lesen. Nach „Das Rauschen in unseren Köpfen“ war für mich klar, auch den zweiten Roman von Svenja Gräfen zu lesen. Auch „Freiraum“ handelt von der Liebe, viel mehr aber noch von der Frage, wie, wo und vor allem mit wem wir in Zeiten von Luxussanierungen und Wohnungsknappheit leben möchten. #freiraum #svenjagräfen #schonhalbelf #ullstein (Unbeauftragte Werbung)
  • Wer meinen Blog schon ein wenig länger liest, weiß, dass ich begeisterte Leserin von Joël Dickers Romanen bin. Entsprechend groß war meine Vorfreude auf „Das Verschwinden der Stephanie Mailer“. Motiviert im Frühling begonnen und dann kam das Leben dazwischen. 🤷🏼‍♀️ ABER: Jetzt habe ich es beendet. Da einige von euch es sicher schon gelesen haben, würde mich sehr interessieren, wie es euch gefallen hat? Vor allem auch im Vergleich zu den beiden Vorgängern. Ich sortiere gerade noch meine Gedanken. 💭 #dasverschwindenderstephaniemailer #joeldicker #krimi (Unbeauftragte Werbung)
  • „Becoming“ von Michelle Obama ist mehr als eine Autobiografie - es ist ein Plädoyer für mehr Mut, Unabhängigkeit, Selbst- und Nächstenliebe. Mehr dazu und 5 Tipps, die ich aus dem (Hör-)Buch mitgenommen habe, findet ihr jetzt auf schonhalbelf.de #becoming #michelleobama #hörbuch (Unbeauftragte Werbung)
  • Nach wie vor einfach eine meiner liebsten Zeitschriften. (Unbeauftragte Werbung)

schonhalbelf