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Wer ist „Die Postkartenschreiberin“?

Das Interview-Experiment

Wenn ihr euch diese Frage schon einmal gestellt habt, seid ihr vermutlich bereits in den Genuss ihrer zahlreichen Postkarten gekommen, die sie seit einem Jahr unter ihrem Künstlernamen durch die Republik schickt: an Freunde, Verwandte, Ex-Kollegen, zukünftige WG-Mitbewohner oder an die Postkartendesigner selbst – es kann alle treffen.

Ich freue mich, auf schonhalbelf das allererste Interview mit ihr veröffentlichen zu dürfen, das sie als Postkartenschreiberin gibt. Geführt haben wir es – natürlich – via Postkarte. Unser Interview ist ein Experiment, das die Medien „Blog“ und „Postkarte“ auf eine neue Weise kombiniert.

Wie? Ganz einfach. Wir als schonhalbelf-Team haben zehn Postkarten für die Postkartenschreiberin gestaltet, mit unseren Fragen versehen, sie gedruckt und ihr zugeschickt. Die Postkartenschreiberin hat sie uns Tag für Tag beantwortet, wir veröffentlichen sie nach und nach. Dieser Artikel wächst also von Tag zu Tag, bis alle zehn Postkarten beantwortet sind und der Artikel komplett ist.

Über die Postkartenschreiberin

Bevor wir mit den Fragen loslegen, möchte ich selbst einige Worte über die Postkartenschreiberin verfassen: Sie ist für mich die deutsche Amélie der Jetztzeit. Vor einer Weile kündigte sie ihren Vollzeitjob, um sich neu zu orientieren. Nach einem Teilzeitjob-Ausflug in eine Bonner Buchhandlung packte sie ihre Sachen, um gen Süden nach Stuttgart zu ziehen. Seit einem Jahr arbeitet sie nun als „Die Postkartenschreiberin“ und schreibt tagein tagaus Postkarten. Für sie ist es nur konsequent, sich per Postkarte bei Cafébesitzern für deren Örtlichkeiten zu bedanken. Oder beim Vorstandsvorsitzenden der Deutschen Post, denn ohne dessen Unternehmen könnte sie ihrem Job nicht nachgehen. Oder bei den Designern von Postkarten, da diese ihre Arbeitsgrundlage herstellen. Als ich sie bei unserem letzten Treffen scherzhaft fragte, ob sie wohl auch bei meinem (jetzt) ehemaligen Arbeitgeber für mich kündigen könne, antwortete sie nur: „Klar, warum nicht? Meine letzte Wohnung habe ich auch per Postkarte gekündigt.“ Sabine, du bist großartig.

(Fotograf: Jan Struwe)

Wie ihr sie erreicht

Wenn ihr auch mal wieder Post bekommen möchtet oder jemanden kennt, der eine Karte von ihr bekommen soll, meldet euch bei ihr – sie nimmt Auftragsarbeiten freudig entgegen. Da sie hier nie die Werbetrommel für sich selbst rühren würde, übernehme ich das: Die Postkartenschreiberin schreibt euch, euren Eltern, eurem Lieblings-Zahnarzt, eurer Flötenlehrerin von früher, dem besten Gemüsehändler der Welt bei euch um die Ecke oder eurer liebsten Freundin. Schreibt ihr eine Nachricht bei Facebook oder Instagram und ab geht die Post (verzeiht mir den Wortwitz). Das Ganze ist übrigens auch in Form eines Postkarten-Abos möglich, das ihr über einen längeren Zeitraum abschließen könnt.

Liebe Stuttgarter: Wenn ihr die Postkartenschreiberin in einem der vielen schönen Stuttgarter Cafés sitzen seht (und im Frühling und Sommer sicher auch draußen), dürft ihr sie ebenso persönlich beauftragen. Sie ist die junge, schreibende, blonde Frau, die täglich eine kleine Tasche voller Postkarten und eine 500er-Rolle 45-Cent-Briefmarken mit sich herumträgt.

Das Interview:

Karte 1: Wer ist die Postkartenschreiberin?

Die Karte ist leer. Sabine sagte zu mir, jeder solle sich sein eigenes Bild von ihr machen und dass ich schon genug schöne Dinge über sie im Einleitungstext geschrieben habe.

Karte 2: Was macht eine Postkartenschreiberin?

„Eine Postkartenschreiberin schreibt Postkarten. Diese kauft sie von Postkartenständern oder -hängern, findet sie unterwegs oder bekommt sie geschenkt – von Familienmitgliedern, Fremden, Freunden & Bekannten – direkt oder per Post. In der Regel sind das keine Ansichtskarten, die Städtefotocollagen zeigen, sondern Motive (Fotos, Gemälde, Zeichnungen, Collagen etc.) und Wörter / Sprüche, die mir auf Anhieb gefallen. Ich sehe auch in vielen Flyern Postkarten, die ich als solche verschicke. Gelegentlich bastle ich selbst welche. Ziel ist es, mir selbst beim Schreiben & Senden und dem / der Empfänger/in beim Empfangen & Lesen eine Freude zu bereiten.“

Karte 3: Was hat dich dazu gebracht, Postkartenschreiberin zu werden?

„Ich schreibe Postkarten, seit ich schreiben kann. Die ersten schrieb ich klassisch aus dem Urlaub an Freunde & Familie. Im ersten Vier-Wochen-Sommer-Urlaub wies Daniel mich darauf hin, dass ich keine klassischen Ansichtskarten schreibe und nicht nur im Urlaub, sondern auch aus dem Alltag. Nach meiner Kündigung im Herbst 2014 wollte ich nur noch das tun, was ich wirklich will & liebe. Tag für Tag schrieb ich einfach, leicht, mit Lust & Laune immer mehr Karten. Währenddessen erkannte ich, dass ich längst bin, was ich werden will: die Postkartenschreiberin.“

Karte 4: Wie kommst du an Aufträge?

„Aufträge kommen an mich, zu mir, da, wo ich bin: Offline in Cafés & Bars wie diesem & dieser, in der Bahn, beim Segeln, auf Weihnachtsmärkten, auf meinen Wegen oder online in den sozialen Netzwerken Xing, Facebook und Instagram sowie WhatsApp. Je weiter ich mich öffne, darüber spreche & schreibe, desto mehr Anfragen & Aufgaben finde(n) (m)ich. Jeder neue Kontakt bringt Ideen & Geschichten mit sich, und ich schließe immer mehr (Bekannten)Kreise, finde viele Verbindungen zwischen all den Menschen.“

Karte 5: Wie viele Postkarten hast du im Jahr 2015 geschrieben?

„Das weiß ich nicht genau. Die meisten schrieb ich im Dezember: 5 Postkartenadventskalender –> 5 x 24 = 120 + die ein oder andere Karte darüber hinaus. Im November hatte ich einen Auftrag von meiner Lieblingssegelschule Lord Nelson –> 45 Karten an Segelschüler/innen zur Erinnerung an die Ausbildungswoche in Koudum. Ich schätze, im Schnitt zwei Karten pro Tag geschrieben zu haben –> + / – 730 im Jahr 2015. Seit Jahresanfang poste ich (fast) täglich jede geschriebene Postkarte auf meiner Facebookseite, sodass ich die Frage für 2016 exakt beantworten werden kann am Jahresende. Ob es mehr oder weniger als im Vorjahr sein werden? Da lege ich mich nicht fest & schreibe einfach weiter …“

Karte 6: Wo bekommst du deine Postkarten her?

“Postkarten finde(n) (m)ich auf all meinen Wegen – durch den Regen, wie eben, bei MuK, oder später in der Bar Vicino, von der ein Gast gerade hier schwärmte. 🙂 Kartenständer- / hänger ziehen meinen Blick magisch an, kann kaum an ihnen vorbeigehen ohne kurz innezuhalten. Ich kaufe aus Kopf, Bauch & Herz heraus Karten. Kostenlose nehme ich mit auf meiner Reise aus / in / durch Cafés, Bars, Museen, Messen, Hotels, Buchhandlungen, Ateliers, Papeterieparadiesen wie superjuju etc. Immer mehr Kleinkunstwerke bekomme ich geschenkt – persönlich oder per Post – von meinen Mitmenschen. 🙂 Und ich gewinne welche in Verlosungen. 🙂 Wie auch immer ich zu ihnen & sie zu mir komme(n): DANKE.“

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Karte 7: Was schreibst du eigentlich Leuten, die du nicht kennst?

“Leuten, die ich nicht kenne, schreibe ich dasselbe, wie Leuten, die ich kenne: Ort, Datum, Anrede, Beschreibung des Motivs, das ich für die jeweilige Person ausgewählt habe, Begründung meines Schreibens: Dank, Freude, Verbindung, Erinnerung, Neuigkeit, Glück & Genuss, Gratulation, Wünsche, Abschiedsgrüße. Ich bleibe meistens bei mir, teile gemeinsame Momente & Bekanntschaften mit; Kleinigkeiten, die mich auf, während meiner Lebensreise lachen, leben, staunen, träumen & wundern lassen. Hier & jetzt.“

Karte 8: Und schreiben dir dann viele Leute zurück?

“Ja, mir schreiben viele Leute zurück. Familienmitglieder, Freunde, Bekannte, Unbekannte überraschen mich immer wieder. Die Rückmeldungen sind so rührend wie ihre Absender; sie erreichen mich aus aller Welt an originellen Orten: (groß)elterlicher Bauernhof, Adresse, an der ich gerade gemeldet bin, Zimmertür, Bett, Lieblingscafé, Adressen von Freundinnen per Post – und (fast) überall via Whatsapp, Xing, Facebook, im Gespräch, Instagram, Pinterest, Sms, E-Mail … Am meisten freue ich mich dabei über die gegenseitige Inspiration und den (un)bewussten Austausch von Ideen –> Lesung.“

Karte 9: Was war dein spannendstes Erlebnis in Bezug auf Postkarten?

“NepoMuK, Inhaber des Cafés MuK Müslibar und Kiosk, mutmaßte, dass es was mit Sex zu tun habe. Hm, ihn lernte ich dank seiner Postkarten kennen, die er über „Klang und Glied“ bezieht (eigentlich Klang & Kleid). Spannend? Spanne – Nähe – Distanz. Es sind die Momente mit Menschen, die (m)ich mit Postkarten finde(n). Indem ich diese Menschen miteinander bekannt mache(n) per Postkarte, reihe ich für mich ein spannendes Erlebnis ans andere. Alle(s) nachzulesen auf meinen, ihren, unseren Postkarten.

Stuttgart, Mókuska Caffè: MuKs Nachbar, zu dem mich meine Eichhörnchen-Postkarten führten. Heute fügt sich wirklich alles. Alles begann mit Regen, Nieselregen, der sich mit Schnee zu „Schniesel“ verband. In Olgas Lila-Laune-Cape fand (m)ich ihre Karte im Briefkasten. In kubi(sti)schem Rahmen wird dieser perfekte Tag wie im Roman literarisch enden.“

Karte 10: Welche Pläne hast du für das Jahr 2016?

“Eis essen mit Inga am Eugensplatz in Stuttgart, schenken, lesen, Leben, Lieben, Lachen, lächeln, hüpfen, tanzen, schlafen spazieren, segeln, schreiben, essen, trinken, malen, basteln, heiraten, hören, riechen, sehen, fühlen, schmecken, klatschen, genießen, freuen, feiern, reisen, weinen, zaubern, wundern, staunen, atmen, denken, schwimmen, lernen, lehren, fliegen, begegnen, finden, öffnen, „Mutter zweier Kinder sein“, glücklich und verrückt sein u.v.m.“

schonhalbelf

  • lisa

    So ein toller Post – und so eine schöne Idee! Das lässt mich im Übrigen direkt den Stift zücken…

    17. März 2016 at 12:00 Antworten
  • Antje Mirbach

    Ich habe sie mal zufällig persönlich kennengelernt auf einem kleinen feinen Adventsbasar letztes Jahr und bin immer noch fasziniert von ihr. Seitdem schreibe ich wieder Briefe und Postkarten mit der Hand und es macht soviel mehr Spaß als SMS, Whatsupund E.Mails.

    3. April 2016 at 20:39 Antworten

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