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Sieh mich an von Mareike Krügel

Sieh mich an von Mareike Krügel geisterte schon lange vor dem offiziellen Erscheinungstermin auf Instagram-Bildern und Blogs herum – neugierig gemacht hat mich der Roman mit dem auffälligen Cover-Motiv natürlich auch, aber ich habe dennoch das Lesen zunächst für mich ausgeschlossen: Ich meide Romane, in denen es um Krebs geht, eigentlich weiträumig, daher habe ich nach den beiden Sätzen des Piper Verlags über Krügels Neuerscheinung abgewunken: „Man kann ja nicht einfach sterben, wenn die Dinge noch ungeklärt sind. Das denkt Katharina, seit sie vor Kurzem das Etwas in ihrer Brust entdeckt hat.” (Quelle)

Aber, und hier kommt das Aber, irgendwann habe ich am Rande mitbekommen, dass Sieh mich an mitnichten eins von vielen weiteren (und definitiv wichtigen, gar keine Frage) Büchern über Krebs ist, sondern etwas ganz anderes. Kurz: Ich habe mich dem Imperativ, den der Titel des Romans darstellt, gefügt, und es gelesen – zum Glück! Mir wäre einiges entgangen, hätte ich es nicht getan.

Also, lasst euch schon zu Beginn gesagt sein: Dieser Roman handelt NICHT von Arztbesuchen, NICHT von Gewebeproben, NICHT von Chemotherapien und spielt NICHT in einem Krankenhaus. Sieh mich an spielt einfach nur mitten im Leben, aber nicht in einem einfachen Leben.

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Inhalt kurz zusammengefasst

Ihre Karriere als Musikerin hat für Katharina geendet, bevor sie angefangen hat – nach ihrer Hochzeit und der Geburt ihrer Kinder arbeitet sie im Bereich musikalische Früherziehung und befindet sich im permanenten Spagat zwischen ihren Ansprüchen, eine gute Ehefrau, Mutter, Freundin, Schwester, Nachbarin und Musiklehrerin zu sein. Als sie in ihrer Brust einen Knoten ertastet, führt dies bei Katharina zu einem systematischen Hinterfragen ihrer gesamten Lebenssituation und schließlich zu einer Eskalation in Berlin auf der Betriebsfeier ihres Ehemanns – denn resultierend aus ihrem gefährlichen Halbwissen (das sie sich aus Zeitschriften angeeignet hat) in Kombination mit einer familiären Vorbelastung ist sie sich sicher, dass die Raumforderung nur bösartig sein kann und sie unmittelbar auf ihr Lebensende zusteuert.

Da jedoch noch viel zu viele Dinge in ihrem Leben ungeklärt sind, wartet sie mit dem Arztbesuch noch ein wenig ab und versucht in der Zwischenzeit, etwas Ordnung in ihre Welt zu bringen – immer mit Hilfe von Listen, die sie in einem kleinen Notizbuch festhält, das für sie nicht nur eine unablässige Gedächtnisstütze ist, sondern auch der einzig wirklich private Rückzugsort für sie zu sein scheint.

Der gesamte Roman Sieh mich an spielt an einem einzigen Tag: dem Freitag vor dem Montag, an dem Katharina wegen des „Etwas” vermutlich zu ihrer Ärztin gehen oder sie zumindest anrufen wird. Wobei diese eigentlich gar nicht ihre Ärztin ist: „Dann werde ich vernünftig sein und bei einer der Gynäkologinnen anrufen, deren Adresse ich mir vor ein paar Tagen aus dem Telefonbuch besorgt habe. Es gibt eine Gemeinschaftspraxis, in der zwei Ärztinnen arbeiten, die beide Birte mit Vornamen heißen, eine mit th und eine ohne. (…) Ich werde vermutlich die Birte ohne th auswählen, denn ich habe selber zu viele davon in meinem Namen.” (S. 18 f.)

Wer befürchtet, dass ein Roman, der auf 256 Seiten nur einen einzigen Tag beschreibt, langweilig sein könnte, hat Katharina und ihr Leben einfach noch nicht kennengelernt: Mit ihrem Mann steckt sie in einer beruflich bedingten Zwangs-Fernbeziehung, ihre Tochter Helli ist ADHS-Kandidatin mit einer Vorliebe für künstlich herbeigeführtes Nasenbluten, um damit den Schulboden zu dekorieren. Dass ihr Sohn Alex in einer Beziehung ist, erfährt sie nur zufällig und dann ist da noch ihr Nachbar Theo, der bei Gartenarbeiten einen Daumen verliert, den Katharina auf Knien im Garten des Nachbargrundstücks suchen muss …

Wie war Sieh mich an?

Mareike Krügel schreibt schonungslos ehrlich und zu 100 % unterhaltsam davon, wie es ist, wenn nichts ist, wie man es sich früher einmal erträumt hat. Sie macht ein für allemal Schluss mit der noch immer bei vielen vorherrschenden Auffassung, Frauen könnten nur im Kinderbekommen ihr Glück finden, während ihr Mann sich beruflich und persönlich verwirklichen kann.

Mit Humor, einer riesigen Portion täglichem Wahnsinn (natürlich kann man sich während des Lesens fragen, ob da nicht ein bisschen zu viel Action in einen Tag gepresst ist, aber mal ehrlich: Irgendwie muss eben die Spannung aufrecht erhalten werden.), einer noch größeren Menge Ehrlichkeit und einer wunderbar authentischen und gleichzeitig kreativen Schreibe hat Sieh mich an bei mir eine Sogwirkung entfaltet, die mich den Roman in weniger als zwei Tagen haben lesen lassen.

Einzig und allein das Ende war für mich nicht ganz zufriedenstellend. – ACHTUNG SPOILER – Ich weiß nicht, wie es euch geht, aber ich mag keine offenen Enden. Um den Roman komplett zu machen, hätte ich mir noch ein klitzekleines Kapitel gewünscht, in welchem ich erfahre, ob der Knoten tatsächlich bösartig war oder nicht. Ich glaube aber, dass er es nicht war.

Sieh mich an ist für mich die perfekte Mischung aus Unterhaltung und Tiefgang, Humor und Drama, Spaß und Ernsthaftigkeit – und ein Roman, den ich mit bestem Gewissen empfehlen kann.

Eine kurze Passage aus dem Buch

Manchmal denke ich, ich bin eine Art Spinne im Netz, dessen Fäden zu all den Leuten reichen, die ihr wichtig sind. Sobald sich einer von ihnen bewegt, zittert oder ruckt der Faden, und ich zittere und rucke mit. Das Bild ist allerdings schief; Spinnen haben Netze, um Beute zu machen. Aber wie eine Spinne fühle ich mich trotzdem – denn ich reagiere auf jede Erschütterung meines Netzes.
(Mareike Krügel, Sieh mich an, Seite 29)

Infos zum Buch

Sieh mich an / Mareike Krügel / Piper / 2017 / 256 Seiten / ISBN: 978-3-492-05855-1 / Preis: 20,00 Euro / Jetzt online kaufen* / Verlagsinfo /

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schonhalbelf

  • Neri

    Schön, noch einmal eine ganz andere Perspektive zum Buch zu lesen! Und mir geht es da ähnlich, ich meide Geschichten, in denen es um Krebs oder andere schlimme Krankheiten geht auch – meist!

    Neri, leselaunen

    28. August 2017 at 13:55 Antworten
      • Neri

        Sowohl als auch. Aber schon eher kritische Stimmen, was ich aber durchaus auch erwischend finde. Es ist eben auch ein schwieriges Thema. Auf unserem Blog wurde das Buch ja auch rezensiert. Dann weißt Du vielleicht besser, was ich meine. Ich habe es selbst nicht gelesen. Liebe Grüße, Neri.

        31. August 2017 at 14:19 Antworten
        • schonhalbelf

          Ich habe bisher hauptsächlich Rezensionen gelesen, in denen das Verhalten von Katharina (Protagonistin) kritisiert wurde, aber ich finde, dass eine Protagonistin, deren Verhalten man nicht mag, nicht zu einer schlechten Rezension führen sollte. Ich werde mir eure heute Abend natürlich auch noch durchlesen!
          Viele Grüße 🙂

          1. September 2017 at 9:13 Antworten
  • Mlle Facettenreich

    Auch bei diesem Buch war ich, genau wie du, eher unentschlossen. Aber nach deiner Rezension jetzt, kommt es definitiv auf die Leseliste und ich bin sehr gespannt darauf.

    14. September 2017 at 11:17 Antworten

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