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Lanz – Flurin Jecker

Lanz ist nicht nur der erste Roman des Schweizers Flurin Jecker, sondern zugleich auch seine Abschlussarbeit am Literaturinstitut Biel.

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Inhalt kurz zusammengefasst

Lanzelot, genannt Lanz, ist vierzehn Jahre alt und würde das, was ich gerade tue, ziemlich sicher bescheuert finden – zumindest entnehme ich das dem Titel des ersten Kapitels: „Ich wollte Lynn und keinen Scheiß Blog”. Dieser Titel fasst den Inhalt von Lanz (und damit meine ich jetzt das Buch und nicht ihn als Person) gut zusammen: Lanz erhält von einem Mitschüler den Tipp, dass Lynn (die nach Lanz‘ eigener Aussage Miss Schweiz sein bzw. werden könnte) in der Projektwoche das Blog-Projekt gewählt hat, woraufhin für Lanz sofort klar ist, dass er es ihr nachmachen wird, um endlich mit ihr in Kontakt zu treten.

Und schon im ersten kurzen Kapitels dieses mit 128 Seiten insgesamt eher kurzen Büchleins bahnt sich eins der Kernprobleme der Geschichte an. Lanz‘ Lehrer gibt zu verstehen, dass die Schüler während des Projekts so viel wie möglich für ihren Blog schreiben sollen, wobei das Thema frei gewählt werden darf. Die Schüler sollen bedenken, dass ein Blog für jeden zugänglich ist und dass dies ebenso für die Texte gilt, die der Autor auf ihm veröffentlicht. Aber – hier kommt das große Aber – es obliege den Schülern, ob sie ihre Texte online stellen möchten oder nicht, gezwungen würde niemand.

Das stimmt zwar, bedeutet jedoch nicht, dass der Lehrer nicht im Laufe der Woche darauf besteht, dass die Schüler ihre erarbeiteten Texte zumindest den anderen Projektteilnehmern vortragen. Und hier wird es für Lanz brenzlig: Er hat mangels einer anderen Idee sein aktuelles Gefühlsleben rund um Lynn, die Trennung seiner Eltern und weiterer Widrigkeiten niedergeschrieben und steht nun vor einem echten Problem.

Es kommt zum Kurzschluss und Lanz haut ab, um sich dem Zwang zu entziehen, seine Texte und somit sein Innenleben allen anderen offenzulegen.

Wie war Lanz?

Wir haben es – wie so oft, und das ist nicht abwertend gemeint – mit einem typischen Antihelden zu tun: Lanz bemüht sich darum, nach außen hin cool(er) zu wirken, als er eigentlich ist, knabbert aber an seinen getrennt lebenden Eltern und den damit verbundenen Problemen. Oder daran, dass er in Lynn verliebt ist, aber nicht recht weiß, wie er die Kontaktaufnahme zu ihr möglichst lässig und effektiv gestalten könnte.

Zurecht, denn so ganz lässig läuft sie dann nicht ab:
„Warum bist du eigentlich gestern nicht da gewesen? Hey übrigens. Wir haben uns ja noch gar nicht hallo gesagt. Ich bin Lanz. Und du?” (…)
„Anschiss.”
Und ich wollte irgendwie lustig sein und sagte: „Geiler Name.“
(Flurin Jecker – Lanz, S. 35)

Ich musste mich an den Protagonisten gewöhnen und habe mich das gesamte Buch über nicht mit der Sprache anfreunden können, in der er in der Ich-Perspektive spricht bzw. schreibt. Klar, Jugendsprache eben, damit habe ich per se auch kein Problem. Dass sie geschrieben einen gewissen Charme hat und sehr viel transportieren kann, hat beispielsweise Tschick bewiesen. Deswegen wundere ich mich über mich selbst, weshalb ich nach Mehr Schwarz als Lila nun schon zum zweiten Mal in Folge Probleme mit der geschriebenen Jugendsprache habe. Die Sprache in Lanz war auch in diesem Fall für mich eher ein Wermutstropfen als die große Stärke des Romans, obwohl viele Kritiker genau diese geschriebene Jugendsprache so hervorheben.

Schwamm drüber, denn hinter der schnodderigen Sprache und seinen hilflosen Versuchen, ein paar Punkte auf der Coolness-Skala zu ergattern, ist Lanz auf verschrobene Art sympathisch und – wenn man mal genauer hinsieht – eigentlich doch ein ganz netter, zum ersten Mal verknallter Typ: „Und klar hätte ich es locker nehmen können, weil nächstes Wochenende Osterferien sind. Und klar freue ich mich darauf. Aber ehrlich gesagt hätte ich lieber Lynn statt Osterferien.” (Flurin Jecker – Lanz, S. 32)

Lanz hat mich auf gewisse Art schon in seinen Bann gezogen und immer wieder zum Lachen gebracht hat, da selbst die Kapitelnamen perfekt Lanz‘ Stimmung und Humor wiedergeben. Mein Favorit: „Der erste Eintrag, den ich freiwillig schreiben muss”. Alles in allem fehlt mir aber leider doch einiges, um begeistert zu sein – ich frage mich, was ich aus diesem Text für mich mitnehmen kann. Es gibt in meinen Augen keine Entwicklung, keine möglichen Lösungen und keine Hoffnung, dass sich für Lanz etwas ändern wird. Wenn der Anspruch an diesen Text war, die pessimistische Stimmung eines Pubertierenden einzufangen, ist das gelungen. Wenn der Anspruch war, dem Leser – sei er Erwachsen oder selbst noch in der Pubertät – etwas mitzugeben, hat das in meinen Augen leider nicht geklappt.

Eine kurze Passage aus dem Buch

Beim Rauchen schaute ich rauf zur Eiche, zum Hügel vor unserem Block, wo grad das Land anfängt und Mais und Raps oder Schnee oder Matsch drauf ist, je nach Jahreszeit halt. Oder Gras wie jetzt. Ganz oben war der Baum und der halb blaue, halb dunkle Himmel. Alles war so glänzig vom Regen, dass es aussah, als wäre es aus Playmobil.
(Flurin Jecker, Lanz, Seite 18)

Infos zum Buch

Lanz / Flurin Jecker / Nagel & Kimche / 2017 / 128 Seiten / ISBN: 978-3312010226 / Preis: 18,00 Euro / Jetzt online kaufen* / Verlagsinfo /

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schonhalbelf

  • Nanni

    Liebe Inga,
    ja, das mit der Jugendsprache ist immer so eine Sache. Manchmal wirkt sie einfach aufgesetzt. So, als sei das Buch schlecht übersetzt.
    Ich bin auf jeden Fall neugierig auf Lanz. Deine vorgestellten Textpassagen tragen dazu bei, dass mein Interesse geweckt wurde.
    Liebe Grüße
    Nanni

    18. April 2017 at 8:35 Antworten
  • Saskia

    Hallo Inga,
    ich habe leider auch schon öfter schlechte Erfahrung mit Jugendsprache gemacht. Kommt vielleicht auch immer auf meine Lesestimmung an, aber momentan ziehen mich solche Geschichten nicht an. Deine Rezension gefällt mir aber sehr gut und vermittelt ein gutes Bild davon, wie das Buch zu sein scheint!
    Liebe Grüße
    Saskia

    21. April 2017 at 22:17 Antworten

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