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Hanns-Joseph Ortheil – Die Erfindung des Lebens

Zwei Wochen Postpause und dann steige ich direkt mit einem 600-Seiten-Werk wie „Die Erfindung des Lebens” ein! Urlaub, Krankheit, eine Dienstreise und ein großer Berg Arbeit haben mich vom Bloggen abgehalten, aber während meiner Stunden in Flugzeugen (Hamburg–München–Lissabon–Frankfurt–Hamburg) und Zügen kam ich immerhin dazu, endlich „Die Erfindung des Lebens” zu lesen, das mir übrigens von der Postkartenschreiberin ans Herz gelegt wurde. Und du fragst mich, wie ich eigentlich die Bücher auswähle, über die ich blogge, Sabine …!

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Inhalt kurz zusammengefasst

„Die Erfindung des Lebens” erzählt von der Metamorphose eines stummen Jungen, zunächst in einen Pianisten und schlussendlich in einen aufstrebenden Schriftsteller – dabei wächst Hanns-Joseph Ortheil ohne viele gesprochenen Worte in den Fünfzigerjahren in Bonn auf: Sowohl seine geliebte Mutter als auch er sind stumm. Stumm, nicht taubstumm! Nach traumatisierenden Vorfällen und Erfahrungen in der Schule nimmt ihn sein Vater von derselbigen und lehrt ihm auf dem Land und vor allem auf seine Art das Lesen, Schreiben und die Besonderheiten der Natur. Besonderheiten ist ein gutes Schlagwort, denn von ihnen hat der Protagonist wahrlich viele.

Einige Zeit später führt ihn sein musisches Talent in ein entsprechend ausgerichtetes Internat, das ihn jedoch ähnlich unglücklich macht wie seine Erfahrungen im ersten Schuljahr der Grundschule: Eines Tages setzt er seiner Internatslaufbahn ein Ende und flieht regelrecht in Richtung Freiheit.

Jahre später als junger Mann zieht er nach Rom, um Pianist zu werden – doch auch dabei legt ihm das Leben einen Felsbrocken in Form einer hochgradigen Sehnenscheidenentzündung in den Weg. Nach einer Zeit der Orientierung folgt, was kommen musste und letztlich nur eine logische Konsequenz der vielen hundert Kladden ist, die Ortheil bis dato sein Leben lang gefüllt hatte: Er wird Schriftsteller.

Wie war’s?

Hanns-Josef Ortheil erzählt eindrucksvoll und mit sehr guter Beobachtungsgabe und Detailverliebtheit von (s)einer stummen Kindheit, der symbiotischen Beziehung zwischen einem kleinen Jungen und seiner traumatisierten Mutter und der darauf folgenden Entwicklung des Jungen – das sind die beiden Teile des Romans, die ich faszinierend fand.
Die Gedankengänge des Kinds ließen mich mitfühlen, haben mich fast zur Verzweiflung gebracht und erstaunen lassen. Das Innenleben des Jungen und später Jugendlichen ist mit einer solchen Detailverliebtheit dargestellt, dass ich gar nicht anders konnte, als mitzufühlen, Mitleid zu haben, aber ihn auch für sein Talent und seine Willenskraft zu bewundern.

Richtig begeistert hat mich der Roman insgesamt dennoch nicht, es war eher ein Auf und Ab. Den Einstieg bzw. die erste Hälfte fand ich sehr gelungen, mit der Zeit häuften sich aber Passagen, die in meinen Augen unnötig langatmig, wenig förderlich für die Handlung, wenig mitreißend und teilweise narzisstisch veranlagt sind.
Ich kann die Faszination, die von diesem Roman ausgeht, nachvollziehen, aber richtig mitgerissen wurde ich nicht. Insgesamt für mich ein lesenswertes Werk, das mich aber nicht unbedingt antreibt, noch mehr von dem Autoren zu lesen.

Eine kurze Passage aus dem Buch

Diese Stille war immer gegenwärtig und machte sich sofort wieder breit, wenn eines der Einzelgeräusche verebbt war, sie war einfach nicht abzuschütteln, sondern höchstens für Momente zu vertreiben oder zu verdrängen, dann aber setzte sie gleich wieder ein, wie eine überdimensionale Glocke, die sich über das gesamte kleine Leben stülpte.
(Hanns-Josef Ortheil, Die Erfindung des Lebens, Seite 39)

Infos zum Buch

Die Erfindung des Lebens / Hanns-Joseph Ortheil / btb / 2009 / 592 Seiten / ISBN: 978-3442739783 / Preis: 11,99 Euro /

schonhalbelf

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