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Frühling 45 von Karl Friedrich Borée

Frühling 45 von Karl Friedrich Borée ist ein für diesen Blog eher untypischer Roman, hier gilt einfach mal das Motto: Keine Macht der Gewohnheit. Während des Durchstöberns der Vorschauen unabhängiger Verlage ist mir das düstere Cover von Frühling 45 sofort ins Auge gesprungen. Und auch wenn ich mich mit meinem Lesestoff eher selten in die Vergangenheit und mindestens genauso selten in die Zukunft begebe, habe ich mich zu dieser Geschichte sofort hingezogen gefühlt und lange auf ihr Erscheinen gewartet.

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Inhalt kurz zusammengefasst

Vor einer kurzen Inhaltsangabe ist es in meinen Augen wichtig, noch einige Worte zu Karl Friedrich Borée selbst zu verlieren. Er wurde 1886 in Görlitz geboren, studierte Jura und war nach dem Ersten Weltkrieg in zwei Stadtverwaltungen als Jurist tätig. 1930 veröffentlichte er seinen ersten Roman „Dor und der September”, der direkt ein Bestseller wurde. Sein zweites Werk wurde als Antikriegsroman verboten. Nach dem Jahr 1945 arbeitete er am Aufbau eines demokratischen Literaturlebens mit und schrieb für den Berliner Tagesspiegel. Seinen autobiografisch geprägten Roman Frühling 45 veröffentlichte er im Jahr 1954. (Quelle)

Der Titel verrät in diesem Fall bereits viel über den Inhalt: Frühling 45 bezeichnet nicht nur jenen Zeitpunkt, zu dem der Zweite Weltkrieg beendet war; der Frühling im Allgemeinen ist auch die Jahreszeit des Werdens, der Entstehung neuen Lebens und der Hoffnung. Und trotz der düsteren Thematik sind es genau diese Eigenschaften des Frühlings, die sich durch den gesamten Roman ziehen – erst zaghaft durch eine eiskalte Schneedecke, dann immer fordernder und letztlich mit einem unaufhaltsamen Tatendrang und Aktionismus.

Die Stimme des Romans gehört Herrn Stein, einem liberal denkenden Schriftsteller, der mit seiner Familie in eine Villengegend am Rande Berlins zieht, um in ihr den Krieg abseits der Bombenangriffe zu überstehen. In dem von den Besitzern verlassenen Haus befindet sich neben der Haushälterin auch eine große Menge an Vorräten, die die Bewohner des Hauses nicht selten in verschiedensten Formen rettet.

Detailliert, gefühlvoll und spannend wird im Rahmen des Romans das Zusammenfinden und -wachsen einer Schicksalsgemeinschaft geschildert, die immer wieder temporär um neue, mal mehr und mal weniger beliebte Mitglieder bereichert und wieder reduziert wird. Neben Angst vor den Bombenangriffen, vor dem Tod und dem Hunger spielen jedoch auch persönliche Sehnsüchte und Beziehungen eine elementare Rolle, die den Roman trotz des Schauplatzes vor etwas mehr als 70 Jahren auf seine ganz eigene Art modern machen.

Wie oben bereits angedeutet ist Frühling 45 nicht durchweg düster und voller Todesangst, sondern vielmehr durchzogen von Hoffnung, Träumen und optimistischen Plänen für eine demokratische Zukunft. Doch auch als der Frieden plötzlich da ist, kehrt lange keine Ruhe ein – denn der eigentliche Aufbruch für die Protagonisten beginnt erst noch.

Wie war Frühling 45?

Vorweg: Frühling 45 ist keine leichte Literatur. Es liest sich weder flüssig und schnell, die Buchstaben sind klein, die Seitengröße bestmöglich ausgenutzt, sämtliche 464 Seiten lang. Aber sie lohnt sich. Wie an anderer Stelle erwähnt handelt sich nicht um eine Ersterscheinung, sondern um das Werk eines wiederentdeckten Autoren, der lange in der Versenkung verschwunden war und dank des Lilienfeld Verlags neu in den Fokus gerückt wird – und das ist gut so.

Borée schreibt schonungslos, eindringlich und ehrlich, transportiert aber gleichzeitig ein Gefühl von Hoffnung und Optimismus. Er erzählt von mutigen Entscheidungen, Widerstand im Kleinen und analysiert, was die große Liebe leisten muss. Vor allem aber ist er eins: blitzgescheit und analytisch.

Wer Frühling 45 liest, lernt viel, und zwar nicht nur auf historische Sicht über die letzten Woche des Zweiten Weltkriegs, sondern schlicht und einfach über uns Menschen. Ist es legitim, sich von seinem Mann zu trennen, während er im Krieg ist? Und wie macht man eigentlich als Eltern mit dem eigenen Schwiegersohn Schluss, weil die Tochter derzeit verhaftet ist?

Frühling 45 ist alles, nur nicht eins: altmodisch und verstaubt.

Wenn ihr euch für Frühling 45 interessiert und vor allem dafür, wie ein Verlag verloren geglaubte Literatur wiederentdeckt und veröffentlicht, empfehle ich euch das folgende Video mit Axel von Ernst aus dem Lilienfeld Verlag:

 

Eine kurze Passage aus dem Buch

Sein einziges Fenster ging auf die Terrasse hinaus und über diese hinweg in die Kiefern. Diese Aussicht, jetzt im letzten Licht, war mein Eigen. Alles andere war mit fremder Persönlichkeit getränkt: das glänzend polierte Tischchen mit seinen beiden gepolsterten Hockern, ein dandyhaftes Ensemble, das mehr im Weg stand, als daß es diente, der altmodische Schreibtisch, die Regale voll fremder Bücher, der billige Schrank.
(Karl Friedrich Borée, Frühling 45, Seite 27)

Infos zum Buch

Frühling 45 / Karl Friedrich Borée / Lilienfeld / 2017 / 464 Seiten / ISBN: 978-3-940357-60-1 / Preis: 24,90 Euro / Jetzt online kaufen* / Verlagsinfo /

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schonhalbelf

  • Sommermaedel22

    Liebe Inga,

    das Buch klingt wirklich sehr interessant und ich muss gestehen ich habe davon noch überhaupt gar nichts gehört, obwohl es das Buch ja schon sehr lange gibt. Ich denke das muss ich unbedingt ändern.

    Liebe Grüße
    Corinna

    9. Juli 2017 at 16:55 Antworten
  • Saskia

    Vielen Dank für diese tolle Vorstellung! Ansonsten wäre dieses Buch wohl völlig an mir vorbei gegangen. Dabei klingt es aber nach einem Werk, welches viel mehr Aufmerksamkeit verdient!
    Liebe Grüße!

    10. Juli 2017 at 21:46 Antworten

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