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Fast eine Familie – Bill Clegg

Dass Fast eine Familie keine heitere, leichte Kost sein würde, war mir von Anfang an bewusst – dennoch hat mich die Inhaltsangabe des Debütromans von Bill Clegg sofort angesprochen. Nachdem ich es in meinem Artikel über die Neuerscheinungen im März bereits vorgestellt habe, durfte es im besagten Monat mit mir in die Schweiz in den Urlaub reisen, wo ich genügend Ruhe und Zeit hatte, mich mit der Geschichte auseinanderzusetzen und sie auf mich wirken zu lassen.

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Inhalt kurz zusammengefasst

June Reid erlebt in Fast eine Familie eine Tragödie, die man sich kaum auszumalen wagt: Am Morgen des Hochzeitstags ihrer Tochter bricht in ihrem Haus ein verheerendes Feuer aus, das Junes gesamte Familie in den Tod reißt – die einzige Überlebende ist June selbst.

Nach der Katastrophe wird die Kleinstadt, in der June bis dato lebte, von Gerüchten und Spekulationen rund um das Unglück geradezu überflutet: Es scheint niemanden zu geben, der keine Berührungspunkte mit dem Unglück oder dessen Betroffenen hat. Das Gerede führt zu zahlreichen kleinen und großen Offenbarungen, die alle auf ihre Art mit der Familientragödie zu tun haben.

Von unbändigem Schmerz gepackt begibt sich June in ihrem Auto auf eine weite Reise quer durch das Land bis in ein Motel, zu dem ihre verstorbene Tochter eine ganz besondere Beziehung pflegte, die im Laufe des Romans verraten wird. In der Hoffnung, von niemandem gefunden und kontaktiert zu werden, mietet sich June unter falschem Namen in dem Motel ein, um ihr Leben neu zu ordnen bzw. um schlichtweg einen Weg zu finden, überhaupt zu überleben.

Nach und nach bildet sich ein Hoffnungsschimmer namens Menschlichkeit, der es vermögen kann, June aus ihrem Loch herauszuholen.

Wie war Fast eine Familie?

Ich hoffe, dass diejenigen unter euch, die nach der Inhaltsangabe dachten: „Oh nein, viel zu deprimierend, das tue ich mir nicht an, echt nicht.” vielleicht doch noch bis an diese Stelle des Artikels gekommen sind. Denn Fast eine Familie ist zwar ein zutiefst berührender Familienroman über eine Tragödie, düstere Geheimnisse und Verzweiflung, aber auch eine Geschichte, die für Menschlichkeit und Hoffnung steht.

Was Fast eine Familie nicht ist: ein Roman für nebenbei. Wer sich nicht und voll und ganz darauf einlässt, wird zwischen den verschiedenen Erzählperspektiven und vor allem den für die Handlung relevanten Personen (ich wollte sie eigentlich zählen und habe dann doch irgendwann aufgehört) hoffnungslos verloren gehen – ich habe aufmerksam gelesen und dennoch manchmal ein wenig Zeit benötigt, um die jeweilige Person ein- bzw. zuordnen zu können. Teilweise ist ein wenig Kombinationsgabe nötig, um herauszufinden, welche Rolle die Person in der Geschichte überhaupt einnimmt.

Aber es lohnt sich, dran zu bleiben. Fast eine Familie ist ein komplexer, multiperspektivischer Familienroman, der nicht nur die Katastrophe und das überlebende Opfer abhandelt, für das selbst ausgebildete Helfer keine Worte finden. Er thematisiert beispielsweise auch die Gentrifizierung Wells‘, Junes Heimatort, in welchem auch das Haus abgebrannt ist – die Miet- bzw. Immobilienpreise können sich nur noch jene leisten, die in New York arbeiten und das tägliche Pendeln von Wells in die Metropole in Kauf nehmen. Jene, die nicht die Möglichkeiten oder den Willen haben, woanders Geld zu verdienen, bleiben auf der Strecke und arbeiten mittlerweile als Putz- und Hauspersonal für die Pendler.

Fast eine Familie ist auf viele Arten anders und besonders: Ich hatte mit einer klassischen Fortschreibung der Katastrophe und von Junes „neuem Leben” danach gerechnet. Bekommen habe ich ein zunächst scheinbar ungeordnetes Wirrwarr aus zahlreichen Perspektiven voller Zeitsprünge und ohne klare Reihenfolge. Doch je intensiver man liest und umso mehr sich die Geschichte gen Ende neigt, laufen die Fäden zusammen und ergeben einfach eins: einen empfehlenswerten Roman, den man sicherlich auch gut ein zweites Mal lesen kann.

Eine kurze Passage aus dem Buch

Daumen und Zeigefinger umschließen den Türknauf, und er denkt an den vergangenen Abend. Wo er war und was passiert ist. Er geht wieder einen Schritt zurück, rekonstruiert, was er als Letztes getan hat, bevor er eingeschlafen ist geht alles noch einmal durch, dann noch einmal, um sich zu versichern, dass er das, woran er sich erinnert, nicht geträumt hat.
(Bill Clegg, Fast eine Familie, Seite 13)

Infos zum Buch

Fast eine Familie / Bill Clegg / Übersetzerin: Adelheid Zöfel / S. Fischer / 2017 / 320 Seiten / ISBN: 978-3-10-002399-5 / Preis: 22,00 Euro /

schonhalbelf

  • Nela | Livricieux

    Oh, das klingt ganz nach einem Roman meines Geschmackes. Mal gucken, ob ich den in der Buchhandlung finde 🙂
    Wo in der Schweiz warst du denn im Urlaub? *neugierig guck*
    Herzlich, Nela

    28. März 2017 at 11:18 Antworten
  • Nanni

    Hallo,
    hach, das Buch interessiert mich schon sehr. Ich habe es auch in der Vorschau entdeckt, war mir aber nicht sicher, ob es mir nicht zu deprimierend sein wird. Diese Bedenken konntest du mir jetzt nehmen. Allerdings weiß ich nicht, ob ich gerade Geduld und Zeit für solch eine Schreibe habe. Vielleicht lese ich mal in die Leseprobe rein und entscheide dann, ob der Roman auf der Wunschliste landet oder nicht.
    Liebe Grüße
    Nanni

    28. März 2017 at 16:01 Antworten
  • Fina

    Hi, habe deinen Blog gerade erst – sehr schön hier, vor allem ist alles in Türkis, meine absolute Lieblingsfarbe <333

    Ich weiß nicht so recht, ob das Buch für mich wäre, aber schön klingt es auf jeden Fall 🙂
    Vielleicht probiere ich es mal, wenn mein gigantischer Sub abgebaut ist 😀

    Viele Grüße
    Fina

    Blog: https://buchlabyrinth.blogspot.de/

    29. März 2017 at 17:43 Antworten
  • Sabine

    Zunächst einmal ein dickes Kompliment für deinen Blog! Er ist sehr schön aufgemacht, die farbig unterlegten Links finde ich zudem sehr praktisch!
    Fast eine Familie steht schon lange auf meiner Wunschliste. Deine aussagekräftige Rezension bringt jetzt den Stein ins Rollen.

    Vom“ Ende der Einsamkeit „, „der geheimen Geschichte “ und dem Club von Takis Würger war ich ebenso begeistert wie du. Ganz starke Literatur!

    Mich reizen in diesem Frühjahr noch „Herz auf Eis“ von Isabelle Autissier und „Trennung“ von Katie Katamura. Und viele andere…. Gerade lese ich “ die Geschichte der Bienen“, eigentlich nicht mein Stamm-Genre, aber dennoch sehr interessant.
    LG, Sabine

    6. April 2017 at 19:15 Antworten

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