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Das Jahr, das zwei Sekunden brauchte von Rachel Joyce

Ich weiß nicht mehr, wo ich das erste Mal von Das Jahr, das zwei Sekunden brauchte von Rachel Joyce gelesen habe, dafür weiß ich noch umso besser, wer es mir wann zum Geburtstag geschenkt hat. Leider dümpelte es seitdem eineinhalb Jahre im Bücherregal herum, weil dann doch immer neue Bücher dazu kamen, die „wichtiger” waren – schade eigentlich!

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Inhalt kurz zusammengefasst

Vorweg: Das Jahr, das zwei Sekunden brauchte besteht aus zwei unterschiedlichen und alternierenden Erzählsträngen.

Der erste spielt im Jahr 1972 in England und handelt von einem lebensverändernden Ereignis für den 11-jährigen Byron: Sein bester Freund James erzählt ihm, dass die Zeit nicht mehr im Einklang mit der Weltbewegung ist und dem Jahr 1972 daher zwei Sekunden hinzugefügt werden müssen – eine für die beiden Jungen im wahrsten Sinne des Wortes weltbewegende, unfassbare Maßnahme, auf die sie unter großer Anspannung hinfiebern.

Eines nebligen Morgens, als Byron und seine kleine Schwester von ihrer Mutter im Jaguar zur Schule gefahren werden, passiert es: Während der Sekundenzeiger von Byrons Uhr sich urplötzlich rückwärts bewegt, fährt seine Mutter ein kleines Mädchen auf einem roten Fahrrad an – und danach, ohne ein Wort darüber zu verlieren, weiter. Byron geht der Sache auf den Grund und muss feststellen, dass weder seine Mutter noch eine Schwester den Unfall überhaupt bemerkt haben. Von da an überschlagen sich die Ereignisse und münden in einer Tragödie für die Familie, für die sich Byron sein Leben lang die Schuld geben wird.

Der zweite Strang spielt in der heutigen Zeit und dreht sich um den 50-jährigen Jim, der jahrelang in einer psychiatrischen Klinik verbracht hat, stottert und sein Leben durch seine Ticks bestimmen lässt.

Auch er erlebt – genau wie Byron – einen Unfall, der sein Leben verändern soll. Eileen, eine Bekannte von ihm, fährt ihm mit dem Auto über den Fuß, doch Jim bestreitet, Eileen am Steuer erkannt zu haben. Was ist sein Motiv? Und woher rühren seine psychischen Probleme?

Wie war Das Jahr, das zwei Sekunden brauchte?

Zunächst fange ich mit meinen Erwartungen an: Ich wusste nämlich bei diesem Buch ehrlich gesagt gar nicht, was mich erwartet. Ich hatte irgendwo aufgeschnappt, dass es gut sei, habe gelesen, dass es in irgendeiner Art um einen Verkehrsunfall mit Folgen geht und dass es trotzdem eine schöne Geschichte sei. Die Autorin war mir bis dato unbekannt. So weit, so gut.

Zu allererst fiel mir positiv der sehr bildhafte und kreative Stil der Autorin auf. Meer bei schlechtem Wetter sieht aus „wie geknittertes Silber”, der Nebel der Heide liegt „wie eine Kapuze über seinen Augen”, Bäume sind im Frühling „mit Girlanden aus kaugummi Rosa Blüten geschmückt”. Einen weiteren Pluspunkt gibt es für starke Dialoge und Charaktere – jedem von ihnen verleiht Rachel Joyce eine so eigene Stimme und nicht selten habe ich beim Lesen sehr gelacht. Zumindest am Anfang, denn dann ging es erst richtig los.

Ich hatte mir (vor allem aufgrund des Covers und der dafür gewählten Schrift) eine eher liebliche, sehr positive und fröhliche Geschichte vorgestellt, wurde aber ganz schnell eines Besseren belehrt – unter der Oberfläche brodelt es nämlich gewaltig. Die Grausamkeit, die sich in Byrons Familie abspielt, verliert zwar ein wenig Wucht dadurch, dass alles aus Sicht eines Kindes und entsprechend „naiv” geschrieben ist, doch als erwachsenem Leser wird einem natürlich schnell die Tragweite der Geschehnisse klar. Die Ehe von Byrons Eltern als Zweckgemeinschaft zu bezeichnen, wäre viel zu optimistisch – der despotische Hausherr, der alles tut, um ein nach außen perfektes Bild abzugeben, schreckt weder vor physischer noch vor psychischer Gewalt zurück.

Je mehr die Handlung voranschreitet, desto mehr wird dem Leser klar, dass Byron seit seiner Kindheit eine bemitleidenswerte, von tiefer Traurigkeit gezeichnete Person ist, die es nur durch sehr ungewöhnliche Strategien schafft, am Leben zu bleiben. Viel mehr in die Tiefe kann ich an dieser Stelle leider nicht gehen, weil ich keine zentralen Elemente vorwegnehmen möchte.

Alles in allem ist Das Jahr, das zwei Sekunden brauchte für mich ein sehr ungewöhnliches und trauriges Buch, das definitiv ins Herz geht. Es mag an der ein oder anderen Stelle versuchen, Hoffnung zu schenken und hat definitiv humorvolle Passagen, hinterlässt bei mir aber ein durchweg melancholisches Gefühl. Ich empfehle es allen, die ein Herz für ungewöhnliche Menschen mit all ihren Eigenheiten und Ticks haben und bereit sind, sich noch einmal in die Magie der Kindheit zu stürzen.

Einziger Minuspunkt: Trotz des Lobs zog es sich mir zu sehr in die Länge. 100 Seiten weniger hätten mich im Endeffekt noch mehr bei Laune gehalten; die jetzige Länge hätte es in meinen Augen nicht ganz benötigt.

Eine kurze Passage aus dem Buch

Das war die letzte Party, die seine Eltern veranstalteten. Sein Vater sagte, eine weitere gebe es nur über seine Leiche. Das schien Byron kein einladender Ort für eine Party. Aber bei der Erinnerung an den Abend, an die Übelkeit und Verwirrung, die ihn überkamen, als er seine Mutter wie ein Stück Treibholz durch das Haus gleiten sah, wünschte er sich wieder, sie hätte nichts über den neuen Jaguar gesagt.
(Rachel Joyce, Das Jahr, das zwei Sekunden brauchte, Seite 79)

Infos zum Buch

Das Jahr, das zwei Sekunden brauchte / Rachel Joyce / Übersetzerin: Maria Andreas / Fischer Krüger / 2013 / 432 Seiten / ISBN: 978-3-0369-5756-2 / Preis: 9,99 Euro / Jetzt online kaufen* / Verlagsinfo /

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schonhalbelf

  • Frauke

    Das klingt wirklich interessant.
    Ich hatte es bereits einmal in der Hand, weil ich von ihr bereits „Die unwahrscheinliche Pilgerreise des Harold Fry“ gelesen hatte, was mir auch gut gefiel.
    Dann kommt es jetzt auch meine Liste

    17. Juni 2017 at 12:41 Antworten
  • Saskia

    Das klingt nach einer besonderen Geschichte! Ich lese ab und an gerne Bücher, die mich in eine traurige Stimmung versetzen. Das kommt immer auf den Zeitpunkt an. Ich werde mir dieses Buch auf jeden Fall merken!
    Liebe Grüße 🙂

    26. Juni 2017 at 21:20 Antworten
  • -Leselust Bücherblog-

    Hallo Inga,
    Ich war leider eher enttäuscht von dem Buch! Mich haben die Längen im Buch schon sehr gestört. Wie du sagst, da hätte man ordentlich streichen können. Außerdem hat mich die Naivität von Byron und seiner Mutter wahnsinnig gemacht und irgendwann nur noch genervt. Ans Herz ging diese Geschichte bei mir leider fast gar nicht. Viele haben ja so vom dem Buch geschwärmt. Ich weiß auch nicht, warum mich das Buch nicht so richtig überzeuge konnte. Einzig die Passagen mit Jim und Eileen fand ich wirklich schön!
    Liebe Grüße, Julia

    15. August 2017 at 0:04 Antworten

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